„Wie umgehen mit dem kolonialen Erbe?“ – Einblick in die Arbeit einer Süd-Nord-Fachkraft

Süd-Nord-Fachkraft Valérie Viban

Valérie Viban ist gebürtiger Kameruner und seit Oktober 2020 Süd-Nord-Fachkraft von AGIAMONDO. Er arbeitet bei Justitia et Pax in Berlin. Zusammen mit dem Geschäftsführer Dr. Jörg Lüer entwickelt er ein Konzept zum "Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit und zur Aufarbeitung des kolonialen Erbes", das Partner in Ländern des globalen Südens mit einbezieht. Kamerun war eine der deutschen Kolonien in Afrika. Im Interview sprechen Valérie Viban und Dr. Jörg Lüer über das Arbeitsprogramm und ihre Zusammenarbeit.

Herr Viban, Sie haben in Berlin studiert und gearbeitet. Leben Sie gerne hier?

Berlin ist für mich eine offenherzige Mutter, die jeden umarmt. Ich liebe das Kosmopolitische der Stadt, das es jederzeit ermöglicht, ein afrikanisches Restaurant, einen asiatischen Laden oder Clubs mit afrikanischer Musik aufzusuchen. 

Vermissen Sie etwas aus Ihrem Leben in Kamerun?

Mir fehlen meine Familie, meine Freunde, die gegenseitige Anteilnahme und die kamerunische Spontanität. Wir entscheiden uns einfach kurzfristig, anstatt exzessiv zu planen, wie in Deutschland.

Es ist nötig, den unterschwelligen Neokolonialismus, der die globalen politischen Strukturen und die Beziehungen zwischen deutschen und lokalen afrikanischen Organisationen beherrscht, zu erkennen und zu überwinden.

Wissenswert

Als Süd-Nord-Fachkraft von AGIAMONDO ist Valérie Viban Berater für die Entwicklung einer partnerbasierten Konzeption für das Arbeitsprogramm "Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit/Aufarbeitung des kolonialen Erbes" bei Justitia et Pax. Valérie Viban hat seine Studien in Berlin und in Yaoundé mit einem Master in International Economics, Schwerpunkt Entwicklungspolitik, und einem Master in Internationale Beziehungen, Schwerpunkt Kommunikation und Regierungspolitik, abgeschlossen. Er verfügt über mehrjährige berufliche Erfahrungen im In- und Ausland und engagiert sich privat u. a. bei einem Think-Tank für die Rückgabe von Machtgegenständen an Kamerun aus der Zeit der deutschen Kolonialherrschaft. Valérie Viban verwendet den Begriff "Machtgegenstand", den er treffender findet als die Bezeichnung "Kunstgegenstand", die im Deutschen oft verwendet wird.

Süd-Nord-Fachkraft Valérie Viban
Jörg Lüer und Valérie Viban
In der Geschäftsstelle von Justitia et Pax in Berlin

Was gefällt Ihnen an der Zusammenarbeit mit Herrn Lüer und woran arbeiten Sie?

Als Kameruner freue ich mich, dass sich Jörg Lüer als Deutscher so engagiert für das Thema Dekolonisation einsetzt und schätze unsere Leidenschaft für die gemeinsame Arbeit sowie den guten Austausch über unser Fachgebiet. Unsere Arbeit besteht aus drei Phasen. Wir stehen aktuell am Anfang der Erforschung des Themas "Koloniales Erbe" bei der wir versuchen die kamerunische Perspektive und die Anliegen von kamerunischen, kirchlichen Partnern zu formulieren. Später werden wir gemeinsam mit kirchlichen Partnern aus Kamerun und anderen Ländern des Südens einen praktischen Umgang mit dem kolonialen Erbe entwickeln, beispielsweise für Rückgaben von Machtgegenständen. In der dritten Phase wollen wir die Frage der Sklaverei als menschliches Erbe integrieren. Geplant ist dabei, ein großes Netzwerk von kirchlichen und staatlichen Akteuren in Kamerun sowie Deutschland in dieses Arbeitsfeld einzubinden.

Was ich im deutschen Diskurs zum kolonialen Erbe definitiv vermisse, sind die Stimmen und Perspektiven von Afrikanern oder sogenannten "Opfern des Kolonialismus".

Wie setzen Sie den Aspekt der Partnerschaftlichkeit um?

Wir arbeiten an einem gemeinschaftlichen Konzept auf Augenhöhe mit den afrikanischen Partnern. Deshalb vermeiden wir eine komplette Festlegung des Konzepts vor der ersten Begegnung mit ihnen. Jörg Lüer und ich möchten zunächst virtuelle Kontakte starten und später Partner in Kamerun besuchen. Bei diesem Treffen sollen unsere Erwartungen aneinander angesprochen und überlegt werden, was wir erreichen wollen. Das Modell unserer Partnerschaft soll gemeinsam entstehen.

Inwieweit wirken Ihre Erfahrungen aus Kamerun und Deutschland unterstützend?

In der aktuellen Phase des Aufbaus von Netzwerken mit kamerunischen Organisationen, hilft es, dass ich die Strukturen im Land kenne, die interessant sein könnten. Außerdem fließen die Erfahrungen, die ich bei der Arbeit mit kirchlichen Organisationen in Kamerun zu Menschenrechtsfragen gemacht habe, in die aktuelle Arbeit ein. 

Wie erleben Sie den deutschen Diskurs zum Umgang mit dem kolonialen Erbe?

Mich begeistert, dass kirchliche Institutionen, die ich besuchte, am Umgang mit dem kolonialen Erbe sehr interessiert sind. Und ich beobachte die aktiven Diskurse auf Regierungsebene und innerhalb der großen afrikanischen Community in Berlin. Doch ich erwarte mehr. Ich habe den Eindruck, dass es zwischen den Prioritäten der Opfer des Kolonialismus und denen der deutschen Meinungsführer Divergenzen gibt. Ein Beispiel: Es kann keinen wahrhaftigen Umgang mit dem kolonialen Erbe geben, ohne eine formale Entschuldigung der deutschen Regierung. Ebenso ist es nötig, den unterschwelligen Neokolonialismus zu erkennen und zu überwinden, der die globalen politischen Strukturen und die Beziehungen zwischen deutschen und lokalen afrikanischen Organisationen beherrscht. Aus meiner Sicht liegen die Diskursschwerpunkte in Deutschland auf Critical Whiteness, auf Rassismus, der Frage nach Wiedergutmachung und der Rückgabe von Machtgegenständen. Was ich definitiv vermisse, sind die Stimmen und Perspektiven von Afrikanern oder sogenannten "Opfern des Kolonialismus". Die Auswirkungen der Dekolonisierungsarbeit auf die afrikanischen Länder sollten stärker hervorgehoben werden. Das ließe sich ändern, wenn mehr Afrikaner auf Konferenzen zum Thema Kolonialismus sagen könnten, was für sie wichtig im Umgang mit dem kolonialen Erbe ist. Es geht nicht um Gewissenberuhigung. Das Thema sollte als ein Gerechtigkeit schaffendes Projekt vorangetrieben werden, weil Gerechtigkeit dringend nötig ist.

 

Wissenswert

Süd-Nord-Fachkraft bei AGIAMONDO: Das Engagement aller vermittelten Fachkräfte sieht AGIAMONDO als Weltdienst. Süd-Nord-Fachkräfte, die aus Ländern des globalen Südens in Länder des Nordens, wie Deutschland vermittelt werden, gehören zum Programm Weltdienst ebenso dazu, wie europäische Fachkräfte, die in Ländern des Südens arbeiten oder Freiwillige sowie Partnerorganisationen im globalen Süden. Im gemeinsamen Lernen und Handeln liegt für AGIAMONDO der Schlüssel für eine weltweite nachhaltige Entwicklung. Aktuell gibt es bei AGIAMONDO vier Süd-Nord-Fachkräfte.

Welche afrikanischen Länder vernetzen Sie mit der Versöhnungskommission in Kolumbien?

Aktuell beschränken Jörg Lüer und ich uns auf Kamerun. Dort könnte eine Sitzung zum "Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit" durchgeführt werden, ähnlich der, die Justitia et Pax vor einigen Jahren in Kolumbien realisiert hat. Langfristig planen wir, in Namibia und Ghana aktiv zu werden und später ein Netzwerk aller kirchlichen Akteure aus den ehemaligen deutschen Kolonien zu gründen.

Sie nehmen an den Austauschplattformen zu Lern- und Arbeitserfahrungen für Weltdienstleistende von AGIAMONDO teil. Wie sehen Sie diese?

Da wenige Weltdienstfachkräfte aus dem Süden im Norden arbeiten, ist es für mich besonders wichtig, auf den Austauschplattformen von ihren Erfahrungen zu lernen. Ich wünsche mir, dass sich mehr Menschen aus dem globalen Süden am Weltdienst beteiligen können und verfolge zudem interessiert den Süd-Süd-Austausch.

Ihr Vertrag läuft über zwei Jahre. Was möchten Sie in dieser Zeit erreichen?

Zusammen mit kirchlichen Partnern möchte ich eine Ausstellung zur Missionsgeschichte und zum Kolonialismus realisieren. Auch ist mir die symbolische Rückkehr eines Machtgegenstandes nach Kamerun, mit dem ich persönlich verbunden bin, sehr wichtig. Es handelt sich dabei um die Ngonso-Statue, die die Gründerin des Volkes der Nso zeigt. Zuletzt würde ich gerne eine Versöhnungs- und Dialogveranstaltung, vergleichbar der in Kolumbien durchführen, weil es in Kamerun viele Probleme mit der kolonialen Vergangenheitsbewältigung gibt.

Den Interviewteil mit Jörg Lüer finden Sie nachfolgend unter "Weitere News".

Interview: Ursula Radermacher

26.05.2021