"Bei dem rund einwöchigen Besuch in der deutschen Hauptstadt wurde dem Anwalt Nery Rodenas von beiden Ministerien (Auswärtiges Amt und BMZ) für die wertvolle und engagierte Arbeit zur Wahrung und zum Schutz der Menschenrechte gedankt. Das Menschenrechtsbüro der ODHAG setzt sich seit 1990 für die Aufarbeitung der Gräueltaten ein, die im 36-jährigen Bürgerkrieg in Guatemala (1960 bis 1996) das Leben von rund einer Viertelmillion Menschen kosteten. Mehr als 90 Prozent der begangenen Straftaten werden den staatlichen Sicherheitsorganen zugerechnet. Ebenso wie die ODHAG unterstützen wir auch vier weitere Organisationen in Guatemala, die sich für die Wahrung der Menschenrechte einsetzen", berichtet Jonas Rüger.
Die ODHAG nutzte die Chance, den Gesprächspartnern ein Exemplar ihres Buchs "Erinnerungen an die Opfer des Völkermords" zu überreichen, das eindrücklich deutlich macht, welche Geschichten und Individuen hinter der Zahl der 200 000 Ermordeten und 45 000 Verschwundenen des Bürgerkrieges verborgen sind. Das Buch und die interaktive Gedenkplattform unter https://www.memorial-genocidio-guatemala.org, auf der das Buch aufbaut, bieten der guatemaltekischen Gesellschaft und anderen Interessierten einen Raum, um der Opfer des Bürgerkriegs zu gedenken und somit das Schweigen und Vergessen zu brechen, das der guatemaltekische Staat bisher in Bezug auf seine blutige und gewalttätige Vergangenheit aufrechtzuerhalten versucht. Für die Neubesetzungen der zentral wichtigen Institutionen ist es daher entscheidend, ob unter den neuen Vertreter*innen die juristische Aufarbeitung der Vergangenheit vorangetrieben werden kann. Oder ob es weiterhin zu eklatanter Kriminalisierung gegenüber indigenen Demokratie-Verteidigenden, Journalist*innen und Korruptionsbekämpfenden kommen wird, wie unter der aktuellen Generalstaatsanwältin, Consuelo Porras, und etlichen anderen Staatsanwalt*innen und Richter*innen, die dem sogenannten "Pakt der Korrupten" zugerechnet werden. Der "Pakt der Korrupten" ist ein tief verwurzeltes Netzwerk einflussreicher Personen aus Politik, Wirtschaft, Militär und kriminellen Gruppierungen in Guatemala, das staatliche Institutionen kontrolliert, um Korruption zu schützen und demokratische Reformen zu verhindern.
Die Ankündigung von Steinmeiers Besuch in Guatemala bestätigte den Eindruck, dass das politische Berlin an der Situation in Guatemala großes Interesse zeigte. Neben dem Ziel des Ausbaus der wirtschaftlichen Zusammenarbeit sollte der Besuch des Bundespräsidenten Steinmeier auch die bilateralen Beziehungen zwischen zwei gleichgesinnten Staaten stärken. Mit der Wahl des guatemaltekischen Präsidenten Bernardo Arévalo, der 2023 mit dem Versprechen des Kampfes gegen Korruption die Präsidentschaftswahl gewonnen hat, hat sich die Bevölkerung für demokratische Werte und gegen das Fortbestehen der korrupten und kriminellen Strukturen entschieden. Doch Arévalo hat es als Einzelperson in dem korrupten System ohne unabhängige Kontrollen schwer. Mächtige Akteure verteidigen weiter ihre Macht und die Generalstaatsanwältin nimmt ihn und andere Gegner des Pakts weiter ins Visier.
Frank-Walter Steinmeier äußerte sich gegenüber dem guatemaltekischen Präsidenten Bernardo Arévalo und Gästen am Abend des 17. März 2026 so: "Vor 30 Jahren endete in Guatemala der bewaffnete Konflikt. Seitdem hat Guatemala einen wirklich beeindruckenden Weg zurückgelegt. Die Schritte, die Sie, verehrter Herr Präsident Arévalo, zur weiteren Demokratisierung eingeleitet haben, Ihr entschlossenes Eintreten gegen Korruption und für den Rechtsstaat – das sind starke Zeichen des Aufbruchs. Dass Sie die Gewaltenteilung stärken wollen, verdient großen Respekt, denn sie ist das Fundament jeder Demokratie. Und eine unabhängige Justiz, die im Geiste der Verfassung urteilt, gehört untrennbar dazu. Wir erleben gerade an vielen Orten auf der Welt, dass Demokratie und Rechtsstaat unter Druck stehen – auch bei uns in Europa. Demokratie braucht Menschen, die für sie eintreten – in der Gesellschaft, in den Institutionen, in der Justiz. Das ist eine Aufgabe, die wir alle teilen und bei der wir voneinander lernen können."
Bundespräsident Steinmeiers klare Worte in Unterstützung des Kampfes gegen Korruption und für den Rechtsstaat sind im Einklang mit der neuen Fokussierung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit auf Menschenrechte und Demokratiestärkung für Lateinamerika. Für die Arbeit der Partnerorganisationen des Zivilen Friedensdienst von AGIAMONDO in Guatemala sind die Worte des Bundespräsidenten eine Bestätigung in ihrer täglichen Arbeit. Der Einsatz für Menschenrechte bleibt ein wichtiges wie auch riskantes Anliegen. Doch nicht nur in Guatemala ist diese Arbeit unter Druck, sondern auch in Deutschland beschäftigen uns Fragen von Rechtsstaatlichkeit, der Stärkung der Demokratie und der Bedrohung von Menschenrechten.
Susanne Breuer, die Koordinatorin des Zivilen Friedensdienst in Guatemala, resümiert daher: "Es wurde bei den Gesprächen in Berlin deutlich, dass Guatemala in Deutschland als wichtiger Partner in Zentralamerika angesehen wird. Die Unterstützung für Demokratie und Menschenrechte in einer von autoritären Regimen geprägten Region ist auch für Deutschland ein wichtiges Anliegen. Daher kam der Besuch des Bundespräsidenten genau zum richtigen Zeitpunkt."
31.03.2026
Text: Daniel Siemund (ZFD-Fachkraft) und Hannah Reger (AGIAMONDO-Trainee)