(Weiter)Leben, mit der Vergangenheit

Dr. Friederike Repnik arbeitet mit AGIAMONDO seit vielen Jahren zum Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit. Sie war Fachkraft in Kolumbien und Beraterin auf Zeit bei AGIAMONDO.

Dr. Friederike Repnik arbeitet mit AGIAMONDO seit vielen Jahren zum Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit. Das Thema ist ein Schwerpunkt im ZFD und für die Friedensarbeit sehr wichtig.

Die Sozialpädagogin, Religionswissenschaftlerin und Traumafachberaterin startete ihren beruflichen Weg als Fachkraft in Kolumbien und ist heute Beraterin für Prozesse der Gewaltüberwindung und Dialog. AGIAMONDO hat mir ihr über ihren Werdegang gesprochen.

Es wird gerade erst hell, als auf dem Berg ein Feuer angezündet und ein Maya-Ritual durchgeführt wird, mit dem die Ahnen um Erlaubnis gebeten werden, hier sein zu dürfen. Mit Kolleg*innen und Überlebenden ist Friederike Repnik frühmorgens zu diesem Ort in den Bergen von Rio Negro in Guatemala gewandert, wo vor 40 Jahren ein Massaker an der Dorfgemeinschaft stattgefunden hat. Damals ließ die Regierung Hunderte von Bewohner*innen hinrichten, weil sie sich weigerten, einem geplanten Wasserkraftwerk zu weichen. Gewalt und Verlust blieben Teil des Alltags, jede Familie in der Region kann davon erzählen. Heute erzählt Don Julian davon: Was geschehen ist und wie er weiterlebt. Friederike Repnik hat viele dieser Geschichten gehört, in Asien, Afrika, Lateinamerika, aber auch in Deutschland. Sie hat zugehört und Räume geschaffen für den Umgang mit dem Erlebten. Jetzt am Feuer kommen die Tränen: Zuhören und in Verbindung sein, darum geht es. Gefühle zulassen und sich zeigen, das klingt trivial und ist es doch nicht. Denn wie geht weiterleben, im Krieg oder nach großer Gewalt?

Damit beschäftigt sich Friederike Repnik in ihrer Arbeit. Sie ist Beraterin für Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit und für Dialog, seit einem Jahr freiberuflich. Mit einem Hintergrund in Sozialpädagogik, Religionswissenschaft, Traumapädagogik und Psychologie ist ihr Handwerkskoffer gut gefüllt. „Mensch bleiben – ich könnte mir in diesen Zeiten kein dringlicheres Thema vorstellen“, sagt sie.

In Bujumbura/Burundi trafen sich 2024 die ZFD-Koordinator*innen von AGIAMONDO mit dem Schwerpunkt „Dealing with the Past“ zu einem Austausch über Versöhnung und Erinnerung in Ruanda und Burundi. Mit dabei: Tilo Krause, Koordinator Bosnien, Silvia D'Alessandro, Koordinatorin Große Seen, Thomas Vanke, Koordinator Sri Lanka, Martina Richard, damalige Koordinatorin Zentralamerika, Susanne Breuer, neue Koordinatorin Zentralamerika, Stefan Pleisnitzer, Koordinator Kolumbien, Patrick Zadi Zadi, Koordinator Südsudan, und Friederike Repnik, Beraterin auf Zeit (vorne rechts).
Bei ihren Treffen besuchen die ZFD-Koordinator*innen verschiedene Orte der Erinnerung. 2022 waren sie in einer Kapelle in Guatemala zu Besuch. Thomas Vanke, ZFD-Koordinator in Sri Lanka, zündet mit Friederike Repnik Kerzen an, um der Opfer des Bürgerkriegs zu gedenken, der in Guatemala bis 1996 herrschte.
70 Frauen und 107 Kinder verloren bei dem Massaker in Rio Negro in Guatemala ihr Leben. Die Dorfbewohner*innen hatten sich 1982 dem Bau eines Wasserkraftwerks widersetzt. Am Ort des Gedenkens kommen die Überlebenden zusammen und bitten um ein Ende der Gewalt.
Friederike Repnik besuchte 2022 mit weiteren ZFD-Koordinator*innen, hier mit Patrick Zadi Zadi, dem Koordinator im Südsudan, den Ort Rio Negro in Guatemala. Frühmorgens starteten sie die Wanderung in die Berge. Dort hatte die guatemaltekische Regierung vor 40 Jahren ein Massaker an der dortigen Dorfgemeinschaft verübt, das die Menschen bis heute prägt.
Don Julian berichtet von den Gewalterfahrungen des 30-jährigen Bürgerkriegs, die die Menschen in Guatemala bis heute prägen. Bis zu 250.000 Menschen fielen ihm zum Opfer, darunter viele Angehörige der indigenen Bevölkerung. Armee und paramilitärischen Truppen verbrannten ganze Dörfer. Zehntausende Menschen verschwanden, viele Schicksale bleiben ungeklärt.
Bei der Arbeit zu Erinnerung und Versöhnung geht es auch um die Reflektion des Erlebten: Welche Gefühle tauchen auf, wie ordne ich das Geschehen ein? Fragen bei einer Auswertungsrunde in Ruanda: Was ist Gerechtigkeit? Und geht es um Gerechtigkeit oder um Versöhnung und Frieden?
Mit einem Maya-Ritual baten die Anwesenden, darunter Marion Koerbel, damalige Koordinatorin Sierra Leone, Friederike Repnik, damals Beraterin auf Zeit für Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit (BaZ DwP) und Martina Richard, damalige Koordinatorin Zentralamerika (rechte Seite, von links), die Ahnen der Dorfbewohner*innen um Erlaubnis, an diesem Ort sein zu dürfen. Gewalt und Verlust blieben nach dem Massaker Teil des Alltags, jede Familie kann davon erzählen. Bei einem rituellen Feuer auf dem Berg erzählt der Überlebende Don Julian (Mitte) davon.
Friederike Repnik ist vor kurzem aus der Ukraine zurückgekehrt, wo sie Partnerorganisationen von AGIAMONDO, z.B. Caritas, getroffen hatte. Mit Partnern der Katholischen Universität Lviv besuchte sie das Marsfeld in Lviv, den größten Militärfriedhof in der Ukraine.
Mit einem Maya-Ritual baten die Anwesenden, darunter Marion Koerbel, damalige Koordinatorin Sierra Leone, Friederike Repnik, damals Beraterin auf Zeit für Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit (BaZ DwP) und Martina Richard, damalige Koordinatorin Zentralamerika (rechte Seite, von links), die Ahnen der Dorfbewohner*innen um Erlaubnis, an diesem Ort sein zu dürfen. Gewalt und Verlust blieben nach dem Massaker Teil des Alltags, jede Familie kann davon erzählen. Bei einem rituellen Feuer auf dem Berg erzählt der Überlebende Don Julian (Mitte) davon.

Repniks Zusammenarbeit mit AGIAMONDO begann als Fachkraft für die Schweizer Organisation Comundo in Kolumbien. Ihre Aufgabe: Die psychosoziale Begleitung von gewaltsam vertriebenen Familien in Bogotá. Die sechsmonatige Vorbereitungszeit im Sommer 2009 verbrachte sie auf dem AGIAMONDO-Campus in Köln-Deutz – „ein großes Geschenk, so intensiv lernen zu dürfen“, sagt sie rückblickend. Für Friederike Repnik war es ein Start in ein neues Berufsfeld und die Entwicklung einer Haltung, die sie bis heute in Begegnungen mit Menschen prägt.

Dass sie so tief in den Kosmos der Entwicklungszusammenarbeit einsteigen würde, hätte sie vor 15 Jahren nicht gedacht. Auf ihre Zeit als Fachkraft im Ausland folgte eine bis heute anhaltende Zusammenarbeit mit AGIAMONDO: Als Trainerin in Vorbereitungskursen für Fachkräfte, als Moderatorin von Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen, im Vorstand und als Interims-Koordinatorin für den Zivilen Friedensdienst im Südsudan. Schließlich als Beraterin auf Zeit für den Themenschwerpunkt Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit, bis Ende 2024. „Es waren Menschen da, es haben sich Türen zur richtigen Zeit geöffnet und ich bin hindurchgegangen“, sagt Repnik. Mehr als Karriere habe sie bei AGIAMONDO Gemeinschaft und Solidarität mit den Menschen gefunden, vor allem aber ein Thema, das sie nicht mehr loslässt: Der Umgang mit Gewalt und die Frage, wie man die Würde von Menschen, die Gewalt erleben mussten, wiederherstellen kann?

Sie hat Betroffene begleitet, Partnerorganisationen beraten und Netzwerke gestärkt. Traumaarbeit brauche Zeit, Veränderungen seien manchmal kaum wahrnehmbar. In Kolumbien zum Beispiel sei eine junge, hochschwangere Frau, deren Leben von Vertreibung und Gewalt geprägt war, regelmäßig zu den Treffen mit anderen vertriebenen Menschen gekommen, die Friederike mit ihrer Partnerorganisation anbot. Still und in sich gekehrt saß die junge Frau jedes Mal da, nicht in der Lage, sich zu beteiligen. Aber eines Tages, kaum merklich, war etwas anders: Sie hatte sich geschminkt. „Sie zeigte sich, wollte wieder am Leben teilnehmen, nach allem, was sie erlebt hatte. Das sind für mich kleine Zeichen von tiefer Veränderung, von Versöhnung.“

 

"Mensch bleiben – ich könnte mir in diesen Zeiten kein dringlicheres Thema vorstellen"

Friederike Repnik

 

Die derzeitige Verhärtung von politischen Konflikten und den Ruf nach militärischen Lösungen sieht Friederike Repnik mit großer Beunruhigung, ebenso die unklare Zukunft der Entwicklungszusammenarbeit. „Es wird unterschätzt, wie langfristig die Folgen von Gewalt und Kriegen sind, über Generationen hinweg“, sagt sie. AGIAMONDO und andere Akteure der Entwicklungszusammenarbeit bereiteten daher schon jetzt vor, was danach kommen wird: Die Begleitung der Betroffenen und der Umgang mit dem Leid. Gerade erst habe sie mit Kolleg*innen Partnerorganisationen in der Ukraine besucht. Deren Reaktion sei vor allem Wertschätzung: „Ihr seid da, trotz allem.“

Ihre weiteren beruflichen Schritte sind schon gemacht: Friederike Repnik hat vor kurzem mit ihrem Kollegen Dr. Norman Mukasa das Beratungsnetzwerk „be.dialogue“ gegründet. Sie bieten Prozessbegleitung, Beratung und Trainings an zum Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit, kolonialem Erbe und zu interkulturellen Themen. „Das Thema Dealing with the Past ist enorm wichtig und lässt sich von so vielen Seiten angehen – diese Reise ist noch lange nicht zu Ende.“

01.12.2025

Text: Eva Tempelmann