In Timor-Leste fördert Misereor den sozialökologischen Wandel

Von Menschen mit Behinderung für Menschen mit Behinderung: Die Organisation RHTO setzt sich mit politischer Menschenrechtsarbeit und weiteren Projekten für Gleichberechtigung und Barrierefreiheit ein. Inge Lempp (hintere Reihe, dritte von rechts) unterstützt RHTO.

"Redet nicht ohne uns über uns" ist das Motto einer Partnerorganisation, die sich für Menschen mit Behinderung einsetzt. AGIAMONDO-Fachkraft Inge Lempp unterstützt die NGO als Leiterin der Dialog- und Verbindungsstelle von Misereor.

 

Eine Hand ist in die Luft gestreckt, der kleine Finger wie ein "i" nach oben abgespreizt. Es ist eine einfache Geste, doch sie sagt so viel: Wir stehen für Inklusion, und – wir halten zusammen. "Wir", das sind die Mitarbeiter*innen des Teams von Ra’es Hadomi Timor-Oan (RHTO), was auf der timoresischen Sprache Tetun so viel bedeutet wie "Das Land, das alle Timores*innen liebt". "Wir", das sind aber auch die Menschen, für die sie sich einsetzen, Menschen, die so sind, wie sie selbst, Menschen mit Behinderung. Inge Lempp unterstützt deren Förderung und sagt: "Die Menschen hier wissen, wie sie ihre Herausforderungen bewältigen wollen."

Mit innovativen Wasserspeichern der Trockenheit begegnen, in Jugendcamps ökologische Perspektiven entwickeln, für Menschen mit Behinderung Barrieren abbauen – all das sind Themen, die in Timor-Leste Partnerorganisationen von Misereor mit viel Elan und Eigeninitiative angehen.

Die Seraphine-Stiftung fördert die Berufsausbildung von Frauen und Mädchen. Die Stiftung ist eine Partnerorganisation von Misereor und möchte Frauen in der patriarchalisch geprägten timoresischen Gesellschaft stärken.
Im Inselstaat Timor-Leste leben die meisten Menschen von der landwirtschaftlichen Selbstversorgung. Misereor unterstützt lokale Projekte, die diese Lebensweise fördern.
Inge Lempps Kollegin Mana Josefa Pereira (rechts) unterstützt als Finanz- und Verwaltungsassistentin, indem sie z. B. die Partner zu finanziellen, projektbezogenen Angelegenheiten berät.

"Wenn man im Rollstuhl sitzt oder eine andere Besonderheit hat, die Aufmerksamkeit braucht, ist es in Timor-Leste zum Teil sehr schwer, Unterstützung zu bekommen", erläutert Inge Lempp. Als Koordinatorin der Dialog- und Verbindungsstelle von Misereor in Dili hat sie die Partnerschaft zu RHTO vor drei Jahren mit aufgebaut und begleitet sie seither. Die Einsatzbereitschaft des Teams sei groß, sagt sie – und erfolgreich. Erst im Sommer 2022 konnte RHTO nach Jahren intensiver Lobbyarbeit erreichen, dass die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung auch von Timor-Leste ratifiziert wurde. "Dadurch gibt es jetzt eine legale Grundlage, auf der sie ihre Interessen einfordern können", so Lempp weiter. 

Kommunikationshilfe für unterschiedliche Welten

"Redet nicht ohne uns über uns" – der Leitspruch von RHTO zeigt deutlich, dass die Menschen ihre Situation selbst am besten kennen und an der Bewältigung damit zusammenhängender Herausforderungen beteiligt sein wollen. Genau das ist es auch, was Misereor bei der Förderung lokaler Ideen und Projekte am Herzen liegt. "Unsere Partner wissen, was sie für einen positiven Wandel brauchen", sagt Lempp. Damit Misereor dieses Engagement besser unterstützen kann, bezieht sich ein wichtiger Teil von Inge Lempps Arbeit daher auf die Kommunikation und Vermittlung zwischen den Akteuren.

"Wenn für ein Projekt zum Beispiel finanzielle Mittel benötigt werden, treffen zwei Welten aufeinander, deren Kontexte sich stark unterscheiden: Das hochtechnologisierte Europa und das traditionell geprägte Timor-Leste, wo die orale Kultur noch bestimmend ist", so Lempp. Sie stehe im Dialog mit den Partnern, berate sie bei der Antragstellung oder Buchführung, bespreche Erwartungen, erläutere Unterschiede, vermittle Wertschätzung und Anerkennung, auf beiden Seiten. "Es ist eine Art Übersetzungsarbeit, durch die ich die Partner in Verbindung bringe, damit sie gut zusammenarbeiten können."

Partner lokaler Initiativen

Dieses Bindeglied ist wichtig, da Misereor vor Ort keine eigenen Strukturen aufbaut, sondern immer Partner lokaler Initiativen ist. Aktuell gebe es viel Bewegung im landwirtschaftlichen Bereich, berichtet Lempp. So ist vor Kurzem eine Partnerschaft zu Permatil, einer Organisation des bekannten timoresischen Singer-Songwriters Ego Lemos, entstanden. Sie fördert die landwirtschaftliche Methode und ökologische Philosophie der Permakultur in Timor-Leste und greift dabei auf alte indigene Anbauweisheiten und Anbaugewohnheiten. Permatil organisiert Workshops für Kinder und Jugendliche, sogenannte Perma-Youth-Camps, bei denen nachhaltige Landnutzung gelehrt und praktiziert wird. Ziel ist es, die junge Generation für die Herausforderungen der Zukunft bereit zu machen, aber auch auf akute Krisen zu reagieren.

Würde wächst durch eigenes Können. Deshalb leisten wir als Partnerorganisation Hilfe zur Selbsthilfe.

Inge Lempp, AGIAMONDO-Fachkraft

Wissenswert

Die Sozialpädagogin und Theologin Inge Lempp wuchs in Indonesien und Deutschland auf und engagiert sich seit den 1990er-Jahren für die Menschen in Timor-Leste. 2014 nahm sie das Angebot von Misereor an, vor Ort als Beraterin für Organisationsentwicklung und Kommunikation zu arbeiten. Seit 2021 leitet sie die dortige Dialog- und Verbindungsstelle. Inge Lempp versteht sich als Kommunikationsbrücke zwischen der Bevölkerung sowie den Partnerorganisationen in Timor-Leste und Misereor sowie nicht zuletzt der Öffentlichkeit in Deutschland. "Ich stärke das gegenseitige Verständnis und so die Begegnung und Zusammenarbeit." Misereor baut keine eigenen Strukturen auf, sondern fördert lokale Initiativen und deren Projekte. "Ziel ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, um Abhängigkeiten entgegenzuwirken und Würde durch eigenes Können wachsen zu lassen." Insgesamt werden in Timor-Leste 18 Organisationen durch Misereor unterstützt.

 

"Derzeit unterstützen wir ein Water-Catchment-Projekt", berichtet Lempp, also eine Unternehmung, bei der Regen- oder Tauwasser gesammelt wird, welches dann das Grundwasser wieder auffüllt, statt direkt ins Meer zu fließen. Somit werden umliegende Haushalte und Farmen mit Wasser versorgt. Quellen werden gepflegt und Bäume zu deren Schutz gepflanzt. Um Wasser zu sparen, werden auch Komposttoiletten gebaut. Wissen über indigene Ernährung wird wieder diskutiert und praktiziert. Ökologie sei ein wichtiges Thema für die Menschen hier, denn in Timor-Leste lebt ein Großteil der Bevölkerung von Subsistenzwirtschaft, so dass großes Interesse an einem intakten Ökosystem besteht. "Die Menschen hier kennen die Antworten auf ihre Probleme genau", sagt Inge Lempp. "Und wir können viel von ihnen lernen, wenn wir zuhören, und viel bewegen, wenn wir im Austausch bleiben."

30.12.2023

Text: Eva Maria Helm, Inge Lempp

Dieser Artikel stammt aus dem AGIAMONDO-Magazin "Contacts", Ausgabe 2/2023. Zum Download der Gesamtausgabe.