Wissen aus dem All für den Klimaschutz vor Ort

Bei einem Workshop in Guatemala lernen die am WasserWald-Projekt beteiligten Partner, wie sich Drohnen nutzen lassen, um den Zustand und Veränderungen der Wälder zu beobachten.

Mit Hilfe von Satellitenbildern setzen sich Norma Dávila, die Süd-Nord-Fachkraft von AGIAMONDO, und die Tropenwaldstiftung OroVerde in Bonn für den Klimaschutz ein.

 

Die Tropenwaldstiftung OroVerde hat sich zum Ziel gesetzt, gemeinsam mit lokalen Partnern Lösungen zu entwickeln, um die artenreichen Ökosysteme der Regenwälder weltweit zu erhalten und zu schützen. Seit rund zwei Jahren unterstützt Süd-Nord-Fachkraft Norma Dávila die Stiftung und deren Partner dabei. Ihr Wissen zu Geoinformationssystemen hilft, die Folgen des Klimawandels und der fortschreitenden Entwaldung sichtbar zu machen, aber auch die Wirkung der Anpassungsmaßnahmen zu messen.

Der kleine Laptop auf Norma Dávilas Schreibtisch täuscht. Dahinter steht ein virtueller Rechner, der riesige Datenmengen verarbeiten kann. Den braucht die Fachkraft aus Mexiko, um aus Satellitenaufnahmen Erkenntnisse zu Klimaveränderungen und Anpassungsstrategien zu ziehen. Drei Jahre lang ergänzt sie als Referentin für Geoinformationssysteme (GIS) das Team der Tropenwaldstiftung OroVerde in Bonn. "Mit meiner Expertise unterstütze ich die Partner dabei, diese Daten für ihre Projektarbeit zu nutzen", erklärt Norma Dávila.

Kurze Wege und gemeinsame Pläne

Dávila hat Geophysik und Geografie studiert und sich auf die Anwendung von Satelliten- und Erdbeobachtungsdaten spezialisiert, mit denen sich multitemporale Analysen und Modellierungen erstellen lassen. Neben universitären Lehraufträgen hat sie mehrere Forschungsaufenthalte absolviert – zuletzt bei der Plattform der Vereinten Nationen für weltraumgestützte Informationen für Katastrophenmanagement und Notfallmaßnahmen in Bonn. Bei OroVerde bringt die Süd-Fachkraft nun ihr Wissen aus dem akademischen Bereich in die Projektarbeit vor Ort ein.

Ein Projektteilnehmer demonstriert Juan Carlos Funes und Marvin Ordoñez vom WasserWald-Team in Guatemala das Wachstum der Kaffeebüsche in seinem neu angelegten Agroforstsytem.
Der kleine Laptop auf Norma Davilas Schreibtisch täuscht. Dahinter steckt eine leistungsfähige Cloud, die riesige Datenmengen speichern und verarbeiten kann.
Als Süd-Nord-Fachkraft von AGIAMONDO unterstützt und berät die Geowissenschaftlerin Norma Dávila lokale Partnerorganisationen und das Projektteam von OroVerde in Bonn.
Das internationale WasserWald-Projektteam trifft eine am Projekt beteiligte Kunsthandwerker*innen-Gruppe in Chilascó/Guatemala. Der Besuch fand während des internationalen Projekttreffens 2023 statt.
Projektteilnehmer Rafael Torres erklärt die Funktionsweise der Totholz-Barrieren, die er auf seiner Parzelle in La Cavirma/Dominikanische Republik angelegt hat.

Ein Onboarding-Programm und zwei Mentor*innen haben Norma Dávila beim Start begleitet und in die verschiedenen Arbeitsbereiche – von Finanzen bis zu Bildungsarbeit – und in die Projektabläufe eingeführt. Sie schätzt die kurzen Wege, um Fragen zu klären. Doch auch die gemeinsamen Pausen haben ihr geholfen, gut anzukommen. Im Team Internationale Projekte unterstützt sie derzeit primär das Projekt "WasserWald". "Vorher gab es Normas Stelle nicht. Das gibt uns jetzt die Chance, die Aufgaben gemeinsam zu entwickeln", sagt Teamkollegin Ineke Naendrup.

Informationen aus dem All für lokale Projekte

Aus umfangreichen Satellitenaufnahmen filtert die GIS-Spezialistin Norma Dávila die für die lokalen Projektpartner relevanten Daten heraus und verarbeitet sie zu multidimensionalen Karten. Die Satelliteninformationen, etwa vom Europäischen Erdbeobachtungsprogramm "Copernicus", sind ebenso wie die nötige Software frei zugänglich und vielseitig anwendbar. Sie ermöglichen nicht nur, klimabedingte Veränderungen zu erkennen und die Herausforderungen in den jeweiligen Projektregionen sichtbar zu machen. Die Daten helfen den beteiligten Partnern zudem, gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung geeignete Maßnahmen zu entwickeln. "Anhand der hochaufgelösten Bilder lassen sich beispielsweise die Vegetationsdichte, Bodennutzung und Bewaldung erfassen, aber auch Klimawandelfolgen wie Dürre oder Erosion", erläutert GIS-Spezialistin. Auf einer Karte zu Guatemala etwa ist zu sehen, welche Gebiete in einem bestimmten Zeitraum von Dürre betroffen waren. Eine andere Grafik aus Mexiko zeigt, wo es in den letzten Jahren vermehrt Waldbrände gab. Aber auch welche Gebiete verschont blieben, weil intakte Wälder vor Trockenheit und Bränden schützen.

Die Informationen können die Partner nutzen, um Anpassungsstrategien zu planen oder politische Entscheidungsträger*innen für die Auswirkungen der Klimakrise zu sensibilisieren. "Sie ermöglichen aber auch den zeitlichen Rückblick und Vergleich", ergänzt Projektreferentin Ineke Naendrup. "Damit lässt sich im Rahmen des Monitorings verfolgen, welche Veränderungen die Projektmaßnahmen bewirken."

 

Norma Dávila im Gespräch mit Leonor Sánchez vom guatemaltekischen WasserWald-Team bei einem Feldbesuch während des internationalen Projekttreffens 2023.
Marvin Ordoñez vom guatemaltekischen WasserWald-Partner Fundación Defensores de la Naturaleza inspiziert gemeinsam mit dem Projektteilnehmer Mauricio Hernández Kaffee-Setzlinge für ein neues Agroforstsystem.
Rubén González vom guatemaltekischen WasserWald-Partner Fundación Defensores de la Naturaleza inspiziert gemeinsam mit einer Projektteilnehmerin ihren neu angelegten Hausgarten.
Blick über ein im Rahmen des WasserWald-Projektes angelegtes Agroforstsystem in Tasquehuite/ Guatemala.

Vier Partner – ein Ziel

Das WasserWald-Projekt ist ein Gemeinschaftsvorhaben von OroVerde und vier Partnerorganisationen in Guatemala, Kuba, Mexiko und der Dominikanischen Republik. Im Mittelpunkt stehen Wassereinzugsgebiete, die zunehmend von klimawandelbedingten Katastrophen, wie anhaltenden Dürren, Stürmen, Starkregen und Fluten bedroht sind. Mit fatalen Folgen: Wasser wird noch knapper, die Bodenerosion nimmt zu, Anbauflächen und Lebensräume für Tiere und Menschen gehen verloren. Um den Auswirkungen der Klimakrise zu begegnen, erarbeiten OroVerde und die lokalen Partner für die jeweiligen Gebiete ökosystembasierte Anpassungsmaßnahmen. "Beim ökosystembasierten Ansatz geht es darum, die biologische Vielfalt der Ökosysteme zu bewahren oder wiederherzustellen und zur Anpassung an den Klimawandel zu nutzen", so Ineke Naendrup.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die strategische Aufforstung. Durch Büsche und Bäume gefestigte Uferstreifen etwa schützen vor Erosion und helfen, einen gesunden Wasserkreislauf wiederherzustellen. "Zugleich geht es immer darum, die Lebensbedingungen vor Ort zu verbessern, sodass die Menschen von und mit dem Wald leben können", betont Naendrup. Dazu fördern die Projektpartner boden- und wasserschonende Anbaumethoden, die den Menschen ermöglichen, ihre Ernährung und ihr Einkommen zu sichern. So werden zum Beispiel artenreiche Waldgärten – sogenannte Agroforstsysteme – angelegt, in deren Schatten Kaffee und Kakao gedeihen, oder Hausgärten zur Eigenversorgung.

 

Wissenswert

WasserWald – dem Klimawandel trotzen: Gemeinsam mit lokalen Partnern entwickelt OroVerde Projekte zum Schutz und Erhalt der Artenvielfalt und Lebensräume der Tropenwälder. Beim Projekt "WasserWald" in Guatemala, Kuba, Mexiko und der Dominikanischen Republik stehen Wassereinzugsgebiete im Fokus. Die vier Projektländer sind besonders von klimabedingten Naturkatastrophen bedroht. Fortschreitende Entwaldung und mangelnder Schutz von Wäldern führen nicht nur zum Verlust der Biodiversität und zu Bodenerosion, sondern verstärken zugleich die Folgen des Klimawandels, wie anhaltende Trockenperioden und Überflutungen infolge von Starkregen. Zudem treffen sie gerade vulnerable Gesellschaften, denen das Wissen wie auch die Mittel für Anpassungsstrategien fehlen.
 

Um den Menschen in den Wassereinzugsgebieten zu helfen, den Auswirkungen des Klimawandels zu begegnen, erarbeitet OroVerde gemeinsam mit dem Centro Naturaleza (Dominikanische Republik), Pronatura México, UPSA (Kuba) und Defensores de la Naturaleza (Guatemala) ökosystembasierte Anpassungsmaßnahmen. Der Ansatz zielt darauf ab, Ökosysteme wiederherzustellen und zu erhalten und zur Anpassung an den Klimawandel zu nutzen. Dazu gehören Maßnahmen zur Aufforstung und Bodenverbesserung, Agroforstsysteme und angepasste Anbaumethoden. Das auf fünf Jahre angelegte Projekt ist Teil der Internationalen Klimaschutzinitiative (gefördert vom Bundesumweltministerium).

 

Eine weitere wichtige Komponente ist die politische Lobbyarbeit. OroVerde unterstützt die Partnerorganisationen dabei, ihre Erfahrungen und Daten in Entscheidungsprozesse einzubringen, um ökosystembasierte Anpassungsmaßnahmen anzustoßen. Zudem bringen die Projekte verschiedene Akteure aus Gemeinden, bäuerlichen Gemeinschaften und Forschung zusammen, die sich gemeinsam für eine nachhaltige Entwicklung der Wassereinzugsgebiete engagieren.

Bedarfsgerecht und gemeinsam lernen

Norma Dávila sieht ihre Rolle dabei vor allem als "guide", als professionelle Begleitung, die den Partnern hilft, anhand der Geoinformationen eigene Daten für ihre jeweiligen Projektgebiete und -ziele zu generieren. Bei Schulungen vor Ort und online sowie regelmäßigen Austauschrunden vermittelt sie den Projektverantwortlichen, wie sich mit der GIS-Technologie Berechnungen erstellen lassen. Um zum Beispiel Risiken zu erkennen und vorbeugende Maßnahmen zu planen. Das gemeinsame Lernen soll sie befähigen, die Tools in Zukunft eigenständig anzuwenden und ihr Wissen zu teilen.

Standardinhalte und -antworten gibt es dabei nicht. Vielmehr geht die Fachkraft auf die jeweiligen Anforderungen der Partner und unterschiedlichen Projektkontexte ein und entwickelt bedarfsgerechte Lösungen. "Das ist mitunter recht aufwändig und komplex", berichtet die 44-Jährige. "In Guatemala etwa geht es um Waldmanagement, in Mexiko darum, Waldbrandgefahren auszumachen." Parallel dazu tüftelt sie an Methoden, die es ermöglichen, die wachsende Datenbasis zu speichern und laufend zu aktualisieren.

Ineke Naendrup freut sich, dass OroVerde durch Norma Dávilas Fachwissen einem dringenden Bedarf der Partnerorganisationen nachkommen kann. "Die Fachkraft ermöglicht uns, den Partnern mehr anzubieten als eine einmalige Fortbildung zu Geoinformationssystemen, sondern ihr Wissen zu vertiefen", sagt sie. Spanisch als gemeinsame Sprache ist dabei ein Vorteil, der den Austausch mit den Projektpartnern erleichtert.

Wie groß deren Interesse ist, zeigte sich beim jährlichen Workshop mit den Partnerorganisationen des WasserWald-Projekts im April 2023 in Guatemala. "Alle wollten unbedingt an der GIS-Session mit Norma teilnehmen", erzählt Naendrup. Daneben stand auch die Nutzung von Beobachtungsdrohnen auf dem Programm. "Drohnen bieten eine ideale Ergänzung zu den Satellitenaufnahmen, weil sich damit Veränderungen auf kleinen Flächen beobachten lassen,“ erklärt Norma Dávila.

Wissen mit nachhaltigem Nutzen

Als Wissenschaftlerin bei einer NGO zu arbeiten, erlebt Norma Dávila als wert- und anspruchsvoll zugleich. "Es freut mich, gemeinsam mit anderen konkrete Veränderungen bewirken zu können", sagt sie. Die größte Herausforderung bestehe darin, die "big data" der Geoinformationen auf die kleinen Projektgebiete herunterzubrechen. Wenn das WasserWald-Projekt im Dezember endet, wartet im Projekt KlimaWald die nächste Aufgabe. Den Partnern und OroVerde wiederum ermöglicht der kontinuierliche Input der Fachkraft, ihre Kapazitäten zur GIS-Technologie nachhaltig auszubauen. "Das Wissen, die Tools, Karten und Daten können die Partner weiter nutzen und auch auf andere Projekte übertragen", sagt Ineke Naendrup.

10.01.2024

Text: Angelika Söhne

Dieser Artikel stammt aus dem AGIAMONDO-Magazin "Contacts", Ausgabe 2/2023. Zum Download der Gesamtausgabe.