Gemeinsam Wege im Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit finden

Installation vor dem "Zentrum für Erinnerung, Frieden und Versöhnung" in Bogotá

Das Thema Erinnerungsarbeit stand im Fokus eines internationalen Erfahrungsaustauschs mit 26 Fachleuten, der Ende 2023 in Kolumbien stattgefunden hat.

 

Organisiert wurde das Treffen von den AGIAMONDO-Programmen des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) Kolumbien und Zentralamerika im Rahmen des Schwerpunktthemas Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit und Versöhnung. Und so war es auch dieses Themenfeld, mit dem sich die Teilnehmer*innen aus Mexiko, Guatemala, El Salvador, Kolumbien und Deutschland intensiv befassten. Neben ZFD-Partnerorganisationen und Fachkräften aus Mittelamerika und Kolumbien waren Mitarbeiter*innen aus dem deutschen ZFD-Netzwerk, z. B. das Konsortium ZFD, ein Mitarbeiter der Deutschen Gedenkstätte Hohenschönhausen, einer ehemaligen Haftanstalt für politische Gefangene in der DDR, vertreten sowie die Lateinamerika-Referentin des Beauftragten für Religions- und Weltanschauungsfreiheit der Bundesregierung teil.

Ziel war der Erfahrungsaustausch zwischen den Vertreter*innen der verschiedenen Länder und Institutionen anhand des konkreten Beispiels von Kolumbien. Wie dort mit gewaltbelasteter Vergangenheit umgegangen wird, erlebten die Teilnehmer*innen bei den Besuchen verschiedener Orte, Organisationen und Gedenkstätten. Sie bewegten sich gemeinsam durch das Centro de Memoria, Paz y Reconciliación (CMPR) in Bogotá und die Häuser der Erinnerung in Tumaco bzw. in Medellín. Der Workshop sollte auch mit dazu beitragen, ein Netzwerk zu entwickeln, das eine Vertiefung des Themenfeldes ermöglicht und die breit aufgestellte Arbeit des ZFD sichtbarer macht.

 

Die Teilnehmer*innen des Treffens sind zu Besuch im "Zentrum für Erinnerung, Frieden und Versöhnung" in Bogotá. Die Gruppe hört einer Expertin zu, die die Geschichte des gewaltsamen Verschwindenlassens in Kolumbien erzählt.
Die Columbarios sind alte Begräbnisstätten innerhalb des Zentralfriedhofs von Bogotá, die die sterblichen Überreste armer Bevölkerungsschichten aufbewahren. Nach ihrer Schließung wurde er zu einem Mahnmal für namenlose Kriegsopfer und soll heute Erinnerungsort für die Opfer von Gewalt und sozialer Ausgrenzung mitten im städtischen Leben werden.
Besuch der Teilnehmer*innen in einem Informationsraum der Zentrum für Erinnerung, Frieden und Versöhnung.
Yohana Olaya Quiñones koordiniert das Haus der Erinnerung in Tumaco. Hier schaut sie sich im Zentrum für Erinnerung, Frieden und Versöhnung" ein Dokument an.
Die kolumbianische Friedenspädagogin, Catalina Quiroga Pardo, schaut sich in der Bibliothek des Zentrums für Erinnerung, Frieden und Versöhnung Literatur zur Thematik an.
Gruppenfoto vor den Columbarios

Kolumbianische Partnerorganisationen geben Einblicke in ihre Arbeit

Kolumbien erlebte über 60 Jahre Bürgerkrieg und auch nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens 2016 kommt es immer wieder zu neuer Gewalt.  Wie kolumbianische Partnerorganisationen damit umgehen, erfuhren die Teilnehmer*innen als sie z. B. das Projekt "Centro Integral de Escucha (CIE)" (Integrales Zentrum des Zuhörens) der Sozialpastoral Apartadó, in dem ZFD-Fachkraft Matthias Breuer mitarbeitet, besuchten (mehr Infos zum CIE). Das CIE ist ein Ort der Begegnung, des Zuhörens, der Selbstfürsorge und des Miteinanders für Menschen aus der Region, in der individuelle und kollektive Erfahrungen von Gewalt, Konflikt, Verlust und Angst das Zusammenleben der Menschen prägen.  Das CIE arbeitet gemeinsam mit Freiwilligen aus der Bevölkerung, den sogenannten "Agentes Voluntarios de Escucha" (Freiwillige des Zuhörens) daran, Vertrauen und gesellschaftlichen Zusammenhalt aufzubauen sowie Versöhnung und die Entwicklung von Lebensprojekten zu ermöglichen.

 

Eindrücke von Teilnehmer*innen

Bei der kolumbianischen Teilnehmerin Catalina Quiroga Pardo, Friedenspädagogin der Partnerorganisation Corporación Otra Escuela, lösten die Aussagen von direkt von Gewalt Betroffenen, viele Gedanken und Emotionen aus.  Sie hofft, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit helfe, künftige Gewalt zu verhindern. Jugendliche, die den Krieg nicht miterlebt hätten, könnten dessen Folgen verstehen und dies fördere den Willen zur Versöhnung. Wichtig sei es, explizit den Zusammenhang zwischen Erinnerungsarbeit und Friedensarbeit vor Ort sichtbar zu machen. Die guatemaltekische Teilnehmerin Miriam Pixtun von der Organisation Resistencia Pacifica la Puya y Alcaldía indígena Nak’awil empfand die unterschiedlichen Arten der Gedenkstättenarbeit in Kolumbien sehr bereichernd. In Guatemala sei sie, so die Historikerin und Dozentin, in den letzten Jahren immer wieder enttäuscht worden, weil hohe Erwartungen an die Friedensprozesse durch unerfüllte Versprechungen und fortbestehende Diskriminierung zunichtegemacht worden seien. Stefan Pleisnitzer, ZFD-Koordinator von AGIAMONDO in Kolumbien, sagt: "Diese Tage waren für uns alle anstrengend und bereichernd. Die Erinnerungsarbeit in den Museen, die Opferbetreuung, die viele unserer Partner leisten und die Zeugnisse der Opfer, die wir getroffen haben, haben uns sehr bewegt". Dies sei eine gute Grundlage für einen weiteren produktiven Austausch über die Landesgrenzen hinweg.

Die Teilnehmer*innen informierten sich nicht nur in Bogota, sondern auch in Medellin, Apartado und Tumaco über lokale Erinnerungsinitiativen wie Gedenkstätten und über Inititativen zur psychosozialen Arbeit.
Matthias Breuer, ZFD-Fachkraft im Centro de Escucha in Apartado, schaut sich im Zentrum für Erinnerung, Frieden und Versöhnung in Bogóta die Wand der inhaftierten und verschwundenen Personen an.
Miriam Pixtun, Historikerin aus Guatemala, sitzt vor der Skulptur des Schuhputzers Heriberto de la Calle. Er war eine Kultfigur, die satirische Radiointerviews mit Prominenten führte und der Gesellschaft den Spiegel vorhielt. Geschaffen hatte ihn der Journalist, Komiker und Friedensaktivist Jaime Garzón, der am 13. 08. 1999 ermordet wurde.
Das Museum Erinnerungshaus in Medellín zeigt diese Ausstellung, um an die Opfer des bewaffneten Konflikts zu erinnern.
Haus der Erinnerung in Tumaco ist ein Ort des Friedensaufbaus und der Versöhnung, der von der Sozialpastoral des Bistums Tumaco gefördert wird.
Die spirituelle Reflexion zum Tagesanfang in Medellin wurde von Jorge Alvarenga, Direktor der Diözese Chalatenango in El Salvador, geleitet (Mitte, mit dem Mikrofon). Die Teilnehmer*innen schrieben die Namen derjenigen auf, die sie zu ihrer Arbeit motivieren.

Zukunftsperspektive dauerhafter internationaler Austausch

Die internationale Begegnung in Kolumbien soll Auftakt für weiteren Austausch zwischen Mittelamerika, Deutschland und Kolumbien sein. Dr. Stefan Donth leitet Strategie und Zeitzeugenarchiv der Gedenkstätte Hohenschönhausen in Berlin, die u. a. zur Auseinandersetzung mit politischer Verfolgung und Unterdrückung in der kommunistischen Diktatur anregen und über das System der politischen Justiz informieren soll. Rückblickend auf das Treffen freue er sich auf das zukünftige gemeinsame Lernen. Auch den Austausch darüber, wie man sich um junge Menschen bemühe, schätzt Dr. Stefan Donth sehr. Es gehe darum, diese zu befähigen, sich mit Menschenrechtsverletzungen auseinanderzusetzen und sich für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu engagieren.  

08.01.2024

Text: Ursula Radermacher/Dr. Friederike Repnik