Engagiert gegen sexualisierte Gewalt

Die NGO WAVES kämpft gegen weibliche Genitalverstümmelung und sexualisierte Gewalt sowie für die Rechte von Frauen und Mädchen in Sierra Leone. WAVES steht für "Women Against Violence and Exploitation in Society Sierra Leone".

 

Am 6. Februar ist der "Internationale Tag der Nulltoleranz gegenüber der Genitalverstümmelung bei Frauen und Mädchen", den die Vereinten Nationen (UN) 2003 ins Leben riefen. Die 2005 in Sierra Leone gegründete feministische Organisation WAVES engagiert sich gegen sexualisierte Gewalt, zu der weibliche Genitalverstümmelung – in Englisch "female genital mutilation" (FGM) – gehört. Außerdem tritt die NGO mit Sitz in Bo, einer Stadt im südlichen Sierra Leone, für das Recht auf Bildung von Schwangeren und jungen Müttern ein. WAVES arbeitet mit dem Zivilen Friedensdienst (ZFD) von AGIAMONDO zusammen. Hannah Kentouche, ZFD-Fachkraft und Beraterin für Gender und Advocacy, erzählt, wie die AGIAMONDO-Partnerorganisation arbeitet.

Seit 15 Jahren engagieren sich die Mitarbeiter*innen von WAVES gegen die brutale Praxis der Beschneidung, für gesetzliche Verbote und für eine flächendeckende Aufklärung durch Veranstaltungen, Radiosendungen, Fernsehauftritten und Expert*innen-Talks. Die NGO, die schon viel bewirkt hat, fordert von Staat und Zivilgesellschaft, die Verantwortung für den Schutz von Frauen und Mädchen zu übernehmen, um sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt zu verhindern.

ZFD-Fachkraft Hannah Kentouche spricht mit Mädchen im Dorf Ngalu, wo junge Frauen bestärkt werden, sich für ihre Anliegen einzusetzen.
Die Mädchen gehen zu einer Mentorin von WAVES: ein sicherer Ort und sensible Beratung schützen auch vor weiblicher Genitalverstümmelung.
Teilnehmer*innen eines FGM-Workshops: Generationendialog und Solidarität zwischen Frauen wirken dieser Form von sexualisierter Gewalt entgegen.
Advocacy-Training von WAVES zu FGM. Die Frauenrechtsorganisationen sind durch ihre Kooperation und eine gemeinsame Agenda sehr stark.
Eine WAVES-Mitarbeiterin läuft mit Jugendlichen durch den Gemeinschaftsgarten eines sogenannten "Safe space for girls".
Laura Lahei (vorne) ist Projektmanagerin bei WAVES. Sie spricht vor einer Frauengruppe über sexualisierte Gewalt, zu der FGM gehört.

Wissenswert

Weibliche Genitalverstümmelung, wie sie die feministische Frauenrechts- und Hilfsorganisation medica mondiale definiert, wird in Sierra Leone in großen Teilen der Gesellschaft als gängige Praxis akzeptiert. In dem westafrikanischen Land werden neun von zehn Mädchen beschnitten. Wie bei anderen Formen der sexualisierten Gewalt gibt es offizielle Statistiken, die kritisch zu betrachten sind, und eine hohe Dunkelziffer. Die meisten betroffenen Frauen schweigen aus Scham und um nicht an den Schmerz erinnert zu werden. Im Land setzen sich viele Aktivist*innen und Organisationen für ein Gesetz zum Verbot von weiblicher Genitalverstümmelung (FGM) und für die Durchsetzung alternativer Initiationsriten ein. Einer von ihnen ist der Direktor von Caritas Freetown, Father Peter Konteh, er verurteilt die Praxis von FGM mit klaren Worten. Einen weiteren Erfolg erzielte WAVES zusammen mit einer Allianz von Frauenrechtsorganisationen als sie am 03.02.2022 die Petition gegen FGM an den Parlamentssprecher, Hon. Dr. Abass Chernor Bundu, überreichten. Sie appellierten damit an den Herrn Bundu die Petition an das Staatsoberhaupt und die Führer der politischen Parteien im Parlament weiterzuleiten, um FGM-Praktiken in Sierra Leone zu verbieten. Der Parlamentssprecher erklärte sich einverstanden die Petition weiterzuleiten und sprach sich öffentlich gegen FGM aus.

Kein Schnitt mehr! Wir setzen uns ein für ein Sierra Leone ohne weibliche Genital- verstümmelung. Damit Frauen in Sierra Leone selbstbestimmt und ohne Gewalt leben können, braucht es Zukunftsperspektiven durch Bildung.

Hannah Yambasu, Direktorin von WAVES

Arbeitsschwerpunkte des Teams von WAVES sind bessere Bildungsmöglichkeiten für Mädchen und das politische Engagement gegen Kinderheirat und weibliche Genitalverstümmelung. Die Organisation hat sich nun vorgenommen, das Angebot an gesicherten Räumen für Mädchen in Schulen und Dorfgemeinschaften auszubauen. Dort sollen die Mädchen ihre Anliegen besprechen. Sie werden über ihre Rechte informiert und ermutigt, sich zusammenzuschließen und ihre Forderungen nach außen zu tragen. Vernetzt mit anderen feministischen Initiativen und Frauenrechtsorganisationen in ganz Sierra Leone bringt die NGO ihre Themen voran. Durch den Austausch sind eine starke Solidarität und ein feministisches Netzwerk entstanden, das sich vehement für ein Ende von geschlechtsspezifischer sowie von sexualisierter Gewalt einsetzt.

Weibliche Genitalverstümmelung ist sexualisierte Gewalt. Sie erzeugt Schmerz und Scham. Es geht um Macht und Kontrolle über den weiblichen Körper. Wir müssen die Stille durchbrechen und ein Ende der schädlichen traditionellen Praxis fordern.

Laura Lahei, Projektmanagerin von WAVES

WAVES engagiert sich außerdem besonders in entlegenen Dörfern und in marginalisierten Kommunen im ländlichen Sierra Leone. Die NGO informiert Frauen und Mädchen über ihre Rechte, damit sie diese einfordern und sich besser vor Gewalt schützen können. Für Frauen, die von Gewalt betroffen sind, ist es auf dem Land oft schwer, Hilfe zu finden. Hier versucht die NGO durch Beziehungsarbeit zu unterstützen. Das Engagement gegen sexualisierte Gewalt kann nur erfolgreich sein, wenn es von den traditionellen Autoritäten, den Ältesten und den Eltern akzeptiert und unterstützt wird. Zu den Dorfältesten und den Entscheidungsträger*innen sind in langjähriger Arbeit gute Verbindungen aufgebaut worden.

Als ZFD-Fachkraft ist Hannah Kentouche bei WAVES in der Advocacy-Arbeit für Frauenrechte aktiv. Sie und ihre Kolleg*innen haben sich zum Ziel gesetzt, für Frauen und Mädchen Gleichheit vor dem Gesetz und Zugang zur Justiz zu erreichen. Außerdem unterstützt sie die Mitarbeiter*innen dabei, ihre Vermittlungskompetenzen und ihren Wissensstand hinsichtlich sexueller und reproduktiver Rechte sowie sexueller und geschlechtsbasierter Gewalt zu erweitern.

Die Mitarbeiter*innen von WAVES klären über reproduktive und sexuelle Rechte auf. Hannah Kentouche (hinten links) unterstützt sie dabei.
Das Mädchen trägt ein Gedicht gegen FGM im Dorf Ngalu vor. Durch die psychosoziale Unterstützung kämpfen Mädchen stärker für ihre Rechte.
Hannah Yambasu, Frauenrechtsaktivistin und Direktorin von WAVES, engagiert sich seit Jahren gegen geschlechtsspezifische und sexualisierte Gewalt.
Stellina vor ihrem Haus im Dorf Nengbema. Mit der Organisation WAVES kämpft sie gegen das Schweigen zu sexualisierter Gewalt.
In abgelegenen Regionen bildet WAVES zahlreiche Dorfberaterinnen aus. Sie werden erste Ansprechpartnerinnen bei sexualisierter Gewalt sein.

Die Stärke von WAVES beruht auf der Überzeugungskraft und der großen Motivation der Mitarbeiter*innen. Sie fahren in die Dörfer und suchen das Gespräch mit den Menschen auf Augenhöhe. Mit Erfolg – wie das Beispiel von Stellina* zeigt. Sie lebt im Dorf Nengbema und ist die örtliche Kontaktperson für die Mitarbeiter*innen von WAVES. Stellina berichtet: "Ich habe als junge Frau selbst sexualisierte Gewalt erlebt. Um junge Mädchen in meinem Dorf vor weiblicher Genitalverstümmelung zu schützen, musste ich erst mein eigenes Trauma überwinden. Mit der Hilfe von WAVES habe ich gelernt, offen über FGM zu sprechen und so das Wissen in unserem Dorf weiterzugeben". Stellina kann durch ihre Erfahrung betroffene Mädchen und Frauen sensibel beraten. Sie ist überzeugt, dass erfahrene Frauen das Wissen über traditionelle Praktiken weiterhin an Mädchen in der Pubertät vermitteln sollen.  Dieses Wissen schließt traditionelle Tänze, Lieder, medizinische Kenntnisse und Ratschläge für ihre späteren Rollen als Ehefrauen und Mütter ein. Weibliche Genitalverstümmelung soll nicht mehr dazugehören, doch sensibel thematisiert werden, statt nur Strafen anzudrohen. "Um FGM zu beenden, muss die Partizipation von Frauen gestärkt werden und die Aufklärung zu dem Thema auch die Männer im Dorf erreichen", sagt Stellina. (*Name geändert)

Ich arbeite bei WAVES mit großer Überzeugung, denn es geht um nichts Geringeres, als für das Menschenrecht jeder einzelnen Frau zu kämpfen, gewaltfrei leben zu können. Wir alle müssen handeln, damit jegliche Gewalt gegen Frauen aufhört.

Hannah Kentouche, ZFD-Fachkraft und Beraterin für Gender und Advocacy von AGIAMONDO

Wissenswert

Die Vereinten Nationen (UN = United Nations) gründeten den "Internationalen Tag der Nulltoleranz gegenüber der Genitalverstümmelung bei Frauen und Mädchen", um mit diesem Aktionstag jährlich auf das Schicksal von Frauen und Mädchen aufmerksam zu machen, die geschlechterspezifische und sexualisierte Gewalt erleben. Laut UN umfasst weibliche Genitalverstümmelung (FGM) alle Verfahren, bei denen die weiblichen Genitalien aus nichtmedizinischen Gründen verändert oder verletzt werden. Sie wird international als Verletzung der Menschenrechte, der Gesundheit und der Unversehrtheit von Mädchen und Frauen anerkannt. Mädchen, die von einer Genitalverstümmelung betroffen sind, erleben kurzfristige Komplikationen wie starke Schmerzen, Schock, übermäßige Blutungen, Infektionen und Schwierigkeiten beim Wasserlassen. Aber auch mit langfristigen Folgen für ihre sexuelle und reproduktive Gesundheit und ihre psychische Verfassung. Für die Beseitigung der weiblichen Genitalverstümmelung sind koordinierte und systematische Bemühungen erforderlich, die ganze Gemeinschaften einbeziehen müssen. Sie müssen sich auf Menschenrechte, Gleichstellung der Geschlechter, Sexualerziehung und die Bedürfnisse von Frauen und Mädchen, die unter den Folgen leiden, konzentrieren. UN-Generalsekretär António Guterres will die weibliche Genitalverstümmelung bis 2030 abschaffen. (Quelle: UN-Erklärung zu weiblicher Genitalverstümmelung)

 

Damit das soziale Umfeld der Frauen und Mädchen sich für deren Schutz verantwortlich fühlt, geht WAVES auch gezielt auf Männer und Jungen zu. Die Mitarbeiter*innen von WAVES informieren in Workshops über die Gefahren von FGM, über Frauenrechte sowie sexualisierte Gewalt. Sie regen die Jungen und Männer an, ihre Vorstellungen von Geschlechterrollen zu hinterfragen. In einer geschützten Atmosphäre wird Wissen über Körper und Geschlecht vermittelt und detaillierte Fragen zu Sexualität und Reproduktion besprochen. Männer und Jungen sollen motiviert werden sich für eine bessere Stellung von Frauen und Mädchen einzusetzen.

Auch auf praktizierende und ehemalige Beschneiderinnen geht WAVES zu und unterstützt Aussteiger*innen beim Aufbau einer neuen Existenz, z. B. einem Gemeinschaftsgarten im Dorf Ngalu, der Einkommen generieren soll. Auch Alphabetisierungskurse und berufliche Fortbildungen helfen den ehemaligen Beschneiderinnen ihr Einkommen – unabhängig von FGM – zu erwirtschaften. Damit ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu Schutz und Unversehrtheit von Mädchen in den Gemeinden getan.

24.01.2022/14.02.2022

Text: Ursula Radermacher/Hannah Kentouche