Der Fluss hat Rechte

Sarah Kovac ist Expertin für Ressourcenmanagement und internationale Politik. In ihrer Partnerorganisation SIEMBRA bringt sie einen wichtigen Außenblick und Fachanalysen mit ein.

Der Fluss Atrato ist ein Rechtssubjekt, denn Kolumbien hat eines der fortschrittlichsten Umweltrechte weltweit. Doch die Umsetzung hakt. ZFD-Fachkraft Sarah Kovac unterstützt die NGO SIEMBRA beim Schutz der Rechte von Natur und Menschen. Sie berichtet von ersten Erfolgen und mutigen Umweltschützer*innen.

"Quecksilber reist gerne", sagt Sarah Kovac über das silbrige, hochgiftige Metall. Es wird in der Gewinnung von Gold genutzt, um das Edelmetall aus Steinen und Flüssen zu waschen. So gelangt das Quecksilber ins Wasser, es findet sich in Fischen wieder und diese als Nahrung in den Kochtöpfen und Körpern der Menschen – weltweit. 
"Diese Kontaminationskette wollen wir unterbrechen und aufklären über die Folgen des hochgiftigen Abbaus von Gold in dieser Region", sagt die Sozialwissenschaftlerin Kovac, die sich seit Anfang 2025 mit der Organisation SIEMBRA in Bogotá für aktiven Umweltschutz im Regenwald einsetzt. In der Region Chocó an der Pazifikküste unterstützt sie überwiegend afrokolumbianische Gemeinschaften, ihr Land angesichts von Landkonflikten und Umweltzerstörung selbstbestimmt zu nutzen und berät sie bei juristischen Angelegenheiten. Denn trotz des zukunftsorientierten Umweltrechts nehmen illegaler Bergbau und Umweltzerstörung im Regenwald zu.

Denn Umweltschutz ist in Kolumbien lebensgefährlich. In keinem Land werden so viele Naturschützer*innen ermordet – obwohl Kolumbien eines der fortschrittlichsten Umweltgesetze weltweit hat und ehrgeizige Schritte zu einem nachhaltigeren Umweltschutz plant: den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen, die jährliche Reduzierung der Entwaldung um 20 Prozent und ein seit 2021 laufendes Verbot von quecksilberhaltigen Produkten. 

Vom 28. bis 29. April 2026 findet in Santa Marta, einem bedeutendem Kohlehafen in Kolumbien die erste globale Regierungskonferenz zum Ausstieg aus fossilen Energien* statt, veranstaltet von den Niederlanden und Kolumbien. Die Konferenz soll konkrete rechtliche, wirtschaftliche und soziale Wege für den Ausstieg erarbeiten. Sie ist eine Reaktiona auf die Weltklimakonferenz COP30 im November 2025 in Belém, auf der kein verbindlicher Fahrplan beschlossen wurde.

Auf dem Weltklimagipfel COP30 in Belén, Brasilien war Sarah Kovac (links) mit der Vizedirektorin von SIEMBRA, Viviana Gonzalez, Ende 2025 vor Ort. Gonzalez ist Anwältin und betreut den Fall Rio Atrato bei SIEMBRA seit dem Gerichtsprozess 2016.
Weltklimakonferenz in Brasilien im November 2025. Auch hier setzt sich Sarah Kovac mit SIEMBRA für die aktive Umsetzung von Umwelt- und Menschenrechten ein. Ansonsten findet ein Großteil ihrer Arbeit im Büro in Bogotá oder im Regenwald statt.
Die Umweltschützer*innen der Gemeinden am Fluss Atrato und SIEMBRA bereiten die Veröffentlichung einer Gesundheitsstudie zur Betroffenheit der Bevölkerung im Flussgebiet in Bezug auf Quecksilber und andere Schwermetalle vor. Daraus haben sie konkrete Forderungen an das nationale Gesundheitsministerium und die lokalen Gesundheitsämter abgeleitet.
Der Fluss Atrato ist ein sensibles Ökosystem. Ihn und die Rechte der Natur und der Menschen in dieser Region zu schützen ist ein zentrales Anliegen der Partnerorganisation SIEMBRA in Bogotá.
Mit dem Kartenspiel Mercuriosidades bringt SIEMBRA die Menschen vor Ort zusammen, um sie über ihre Rechte und Gesundheitsvorsorge aufzuklären. Es geht auch darum, welche Fische stark kontaminiert und welche unbedenklich sind, um abzuschätzen, welche gut essbar sind?
Regelmäßig reist Sarah Kovac, die hier am Ufer des Atrato steht, an die Pazifikküste, um dort mit den Umweltaktivist*innen lokaler Gemeinden zusammenzuarbeiten. Die ZFD-Fachkraft hat einen Master of Science in Technologie und Ressourcenmanagement in den (Sub-)Tropen sowie einen Bachelor in internationalem Politikmanagement.
Der Regenwald ist Leben – aber er wird zunehmend zerstört. Durch den illegalen Goldabbau am Fluss gelang Quecksilber ins Wasser, in die Fische und in die Kochtöpfe bzw. Körper der Menschen. SIEMBRA setzt auf Aufklärung und Partizipation, um dies zu verhindern.

Schon vor zehn Jahren rückte das Land den Umweltschutz stärker in den Fokus: 2016 erklärte das kolumbianische Verfassungsgericht den Fluss Atrato im Regenwald – dort, wo Sarah Kovac mit SIEMBRA arbeitet – zum Rechtssubjekt, um ihn vor massiver Umweltzerstörung durch illegalen Goldabbau zu schützen. 2008 hatte das benachbarte Ecuador als erstes Land weltweit der Natur per Verfassung Eigenrechte zugestanden, andere Länder folgten. 

"Dieses Urteil war ein wichtiger Hebel für stärkeren Umweltschutz auf politischer Ebene", sagt Sarah Kovac. Das schwer zugängliche Gebiet um den Atrato wurde von den kolumbianischen Behörden lange ignoriert. Seit dem Urteil von 2016 schaut die Regierung stärker auf die Region, schickte nationale Behörden zu Treffen in den Chocó und erarbeitete Strategien für einen besseren Umweltschutz. "Aber die zunehmende Umweltzerstörung zeigt, dass das nicht ausreicht", klagt Sarah Kovac an. "Wir müssen endlich wieder eine Verbindung zur Natur aufbauen und anerkennen, dass wir ein Teil von ihr sind – und Teile der Zerstörung irreversibel sind, wenn wir nicht jetzt etwas dagegen tun."

Mit ihren Kolleg*innen von SIEMBRA setzt sie sich auf unterschiedlichsten Ebenen dafür ein, diese Zerstörung aufzuhalten: Im Büro von SIEMBRA, wo das Team Studien zur Gesundheit des Flusses und der Menschen im Chocó analysiert, auf internationalen Veranstaltungen wie zuletzt dem Weltklimagipfel in Belén in Brasilien, oder in den Gemeinden am Fluss Atrato.

Der Mut und die Beharrlichkeit, die die Menschen im Chocó für die Natur und ihre Rechte einsetzen, beeindruckt mich zutiefst.

Sarah Kovac, AGIAMONDO-Fachkraft in Kolumbien

Dort arbeiten Sarah Kovac und ihre Kollegin Viviana Gonzalez mit einer Kommission von Umweltschützer*innen zusammen, Guardianes genannt. Die ehrenamtlich agierenden Flusswächter*innen sind die gesetzlichen Vertreter des Flusses auf ziviler Ebene: Sie dokumentieren Umweltschäden und überwachen die Einhaltung von gesetzlichen Auflagen zum Umweltschutz, sie fordern eine strengere Regulierung des ausufernden Bergbaus und klären die Bevölkerung über die Bedrohung des Flusses durch den Bergbau auf. Die Guardianes werden von den Gemeinden gewählt und setzen sich zu gleichen Teilen aus Männern und Frauen zusammen. SIEMBRA hat mit ihnen ein Kartenspiel adaptiert – MerCuriosidades, ein Wortspiel aus dem spanischen Wort Mercurio (Quecksilber) und Curiosidad (Neugier) – um die Menschen am Fluss aktiv über Gesundheitsvorsorge und Selbsthilfe aufzuklären: Wohin reist das Quecksilber? Welche Fische sind hoch kontaminiert und welche unbedenklich?

Das Spiel bringe die Menschen zusammen, erzählt Sarah Kovac. Sie berichteten von Fischen, die es früher deutlich häufiger gab, von Lieblingsgerichten – und seien berührt und betroffen gleichermaßen von dem Reichtum, der sie umgebe, und ihrer Zerstörung. "Genau dieses Bewusstsein braucht es überall", ist die Sozialwissenschaftlerin überzeugt. "Die Natur ist keine Ressource für schnellen Profit, sondern ein Wesen, das wir respektieren sollten – so wie auch die Würde des Menschen unantastbar ist." 

SIEMBRA verbindet das lokale Wissen der Menschen durch Sarah Kovacs Unterstützung mit der globalen Ebene und wissenschaftlichen Methoden. "Mit GIS Kartierungsprogrammen zum Beispiel können wir Umweltverstöße sichtbar machen und zeigen, wo und wie der Bergbau die Lebensgrundlagen von Menschen zerstört und ihre Gesundheit schädigt." Aus den Daten der Studien leitet SIEMBRA konkrete Forderungen an nationale Ministerien und lokale Gesundheitsämter ab. 

"Der Mut und die Beharrlichkeit, wie sich die Menschen im Chocó für die Natur und ihre Rechte einsetzen, beeindruckt mich zutiefst", sagt Sarah Kovac – trotz der Drohungen, die die Umweltschützer*innen von bewaffneten Gruppen und Akteuren aus dem illegalen Bergbau bekommen. Das Urteil zum Fluss Atrato und das Quecksilberverbot in Kolumbien sieht sie als erste Schritte in die richtige Richtung. Die Präsidentschaftswahlen in diesem Jahr werden zeigen, ob Kolumbien mutig genug ist, diesen Weg weiterzugehen.

Text: Eva Tempelmann

09.04.2026

 

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