Wie unterstützen Partnerorganisationen und ZFD-Fachkräfte das?
Das Wichtigste ist die Arbeit mit den Menschen. Unsere Partnerorganisationen und Fachkräfte unterstützen lokale Gemeinden dabei, Übergriffe anzuzeigen und eigene Schutzstrategien zu entwickeln. Sie schaffen Räume für die Auseinandersetzung mit Traumata, gegenseitige Unterstützung und Selbsthilfe. Vor allem unsere kirchlichen Partner fungieren auch immer wieder als Garant*innen und Vermittler*innen in Verhandlungen mit bewaffneten Gruppen.
Unsere Partnerorganisationen vernetzen sich außerdem bei der Öffentlichkeitsarbeit und informieren auf nationaler und internationaler Ebene über die Situation vor Ort. Die zum Beispiel regelmäßig Berichte, wie sie zum Beispiel die Coordinación Regional del Pacífico Colombiano zur Lage in der besonders betroffenen Pazifikregion veröffentlicht, bis zu Aufklärungsarbeit für Jugendliche und der Unterstützung lokaler Radiosender und Social-Media-Initiativen.
Was bedeutet Vergangenheitsarbeit für die Menschen vor Ort?
Über Generationen traumatisierte Menschen sind durch die begleitete Auseinandersetzung mit der gewaltbelasteten Vergangenheit endlich wieder in der Lage, Vertrauen und gesunde Beziehungen aufzubauen. Das ist ein unerlässliches Fundament für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Im Centro Integral de Escucha der Sozialpastoral Apartadó könne sich beispielsweise von Gewalt Betroffene untereinander austauschen und Wege kennenlernen, mit den Belastungen umzugehen.
Wie ist die Stimmung im Land? Was ist im täglichen Leben spürbar?
Gustavo Petro ist der erste Präsident der kolumbianischen Geschichte, der nicht aus dem Umfeld der traditionell etablierten Parteien kommt, sondern von einer breiten Allianz unterschiedlicher sozialer Akteure getragen wurde. Seine Regierung hat seit 2022 einiges in Bewegung gebracht. Die früher kaum repräsentierten afro-kolumbianischen und indigenen Gruppen sind inzwischen als Regierungsmitglieder und als Personen mit wichtigen öffentlichen Posten sichtbarer. Gleichzeitig bekommt die Regierung Petro viel Gegenwind von konservativen politischen Akteuren und Wirtschaftseliten, und die erneuerten Verhandlungsbemühungen mit unterschiedlichen bewaffneten Akteuren haben nur begrenzte Erfolge gebracht, so dass sich die Sicherheitssituation für die vom Konflikt betroffenen Gemeinden leider kaum verbessert oder gerade seit Beginn des stark polarisierten Wahlkampfs für die Wahlen 2026 sogar verschlechtert hat.
Welche positiven Entwicklungen gibt es außerdem?
Die durch den Friedensvertrag von 2016 geschaffene Übergangsjustiz hat viele Kriegsverbrechen vor allem gegen die Zivilbevölkerung aufgeklärt. Durch die Aussagen der Täter*innen erhielten viele Familien endlich Klarheit über das Schicksal ihrer Angehörigen. Sie konnten trauern und Abschied nehmen. Die Entschädigung von Opfern macht Fortschritte. Auch für den Umweltschutz gibt es einen großen Erfolg. Der kolumbianische Verfassungsgerichtshof hat den Fluss Atrato als Rechtssubjekt anerkannt, was Hoffnung für die Zukunft der so gebeutelten Umwelt in Kolumbien und die Menschen, deren Lebensgrundlagen von dem Flussökosystem abhängen macht.
Mich beeindruckt immer wieder, wieviel trotz aller Herausforderungen auf lokaler Ebene passiert. Menschen, die unter extrem schwierigen Bedingungen leben und oft persönlich viel gelitten haben, setzen sich mit großem Mut und Beharrlichkeit jeden Tag für Begegnung, Versöhnung und Heilung ein.
Interview:
Originaltext von Nicola Quartz/Konsortium ZFD, Bearbeitung für AGIAMONDO/Ursula Radermacher
November 2025
Als eine der Trägerorganisationen des ZFD ist AGIAMONDO Mitglied im Konsortium Ziviler Friedensdienst