Kolumbien: Kann Gewaltfreiheit etwas gegen Gewalt bewirken?

Jonas Rüger (rechts) mit seinen ehemaligen Kolleg*innen, Luciana Velasco (Mitte) und Joaquín GonzálezConsejo, die beide zur Parternorganisation Consejo Regional Indígena del Cauca (CRIC) gehören.

Jonas Rüger spricht über gewaltfreie Konfliktbearbeitung in der Auseinandersetzung mit Bewaffneten und über neue Entwicklungen im ZFD in Kolumbien.


Jonas Rüger, ZFD-Referent bei AGIAMONDO besuchte auf seiner Dienstreise in Kolumbien auch ein ZFD-Treffen. Im Interview spricht er über die Arbeit und Neues im Zivilen Friedensdienst (ZFD) in Kolumbien, wo der bewaffnete Konflikt seit mehr als 60 Jahren andauert. 

Woran liegt es, dass das Land trotz eines Friedensabkommens nicht zur Ruhe kommt?

2016 wurde ein Friedensabkommen zwischen Regierung und der FARC, damals die größte illegale bewaffnete Gruppe, geschlossen. Doch der Staat schaffte es nicht das Machtvakuum zu füllen, das nach der Demobilisierung der FARC entstand. So nahmen in den letzten Jahren die Kämpfe zwischen öffentlichen Sicherheitskräften, abtrünnigen FARC-Splittergruppen und anderen illegalen bewaffneten Gruppen wie ELN oder rechten Paramilitärs um die ehemals von den FARC kontrollierten Gebiete wieder zu. Es geht nach wie vor um Land, Ressourcen und Macht. Die dort ansässige ländliche Zivilbevölkerung leidet unter den Übergriffen besonders der illegalen Akteure, die ihre Machtansprüche durchsetzen wollen.

Der Sockel einer ehemaligen Statue des Conquistadors Sebastán de Belalcázar. Sie wurde 2020 von indigenen Gemeinden aus Protest gegen die Verherrlichung kolonialer Gewalt gestürzt. Der verbliebene Sockel ist inzwischen mit indigenen Symbolen verziert.
Jonas Rüger beim Partnertreffen in Fusagasugá, etwa eine Stunde von Bogotá entfernt. Dort versammelten sich Ende September Fachkräfte und Vertreter von Partnerorganisationen zum jährlichen Austausch.
Gruppenbild Fachkräfte und Partner, Jonas Rüger sitzt in der vorderen Reihe als vierter von rechts.
Detail des umgestalteten Sockels einer ehemaligen Statue des Conquistadors Sebastán de Belalcázar

Was war der Anlass für Deine Reise?

Der persönliche Austausch mit den Partnerorganisationen vor Ort ist AGIAMONDO sehr wichtig. Deshalb nahm ich an dem Jahrestreffen mit ZFD-Partner*innen und Fachkräften teil. Dort ging es um Herausforderungen, erfolgreiche Strategien und Ausbau der Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Partnern. Außerdem habe ich die Sozialpastoral Popayán, die lokale Friedensprozesse im Departement Cauca begleitet, einem der Brennpunkte des bewaffneten Konflikts, sowie mehrere Partnerorganisationen in Bogotá und Cali vor Ort besucht. 

Was sind die Schwerpunkte des ZFD in Kolumbien?

Ein Schwerpunktthema ist der Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit und Gegenwart. Außerdem arbeiten wir zu Menschenrechten, Umweltkonflikten, Landnutzungskonflikten und fördern die Beteiligung Jugendlicher. Als große Stärke des Zivilen Friedensdienstes sehe ich die Vielfalt der sich gegenseitig ergänzenden Ansätze: von strategischen juristischen Prozessen bis hin zu psychosozialen Angeboten für die vielen von Gewalt betroffenen Menschen.

Was kann der Zivile Friedensdienst, der sich um gewaltfreie Konfliktbearbeitung bemüht, aus Deiner Sicht bewirken?

Umweltaktivist*innen, Menschenrechtsverteidiger*innen und Sozialaktivist*innen leben gefährdet. Auch für viele Partnerorganisationen gehört Bedrohung zum (Arbeits-)Alltag. Und genau deshalb braucht es die gewaltfreie Konfliktbearbeitung. Sozialer Zusammenhalt ist der beste Schutz und der wächst durch unsere Arbeit. Die meisten Morde werden im ländlichen Raum unter dem Radar der Öffentlichkeit verübt. Es hilft, wenn wir auf Verbrechen aufmerksam machen, staatliche Schutzmaßnahmen einfordern und lokale Strategien des kollektiven Selbstschutzes unterstützen..

500 Unbewaffnete sind stärker als fünf Bewaffnete: Gewaltfreie Konfliktbearbeitung fördert den sozialen Zusammenhalt und das ist der beste Schutz.

Jonas Rüger

Wie unterstützen Partnerorganisationen und ZFD-Fachkräfte das?

Das Wichtigste ist die Arbeit mit den Menschen. Unsere Partnerorganisationen und Fachkräfte unterstützen lokale Gemeinden dabei, Übergriffe anzuzeigen und eigene Schutzstrategien zu entwickeln. Sie schaffen Räume für die Auseinandersetzung mit Traumata, gegenseitige Unterstützung und Selbsthilfe. Vor allem unsere kirchlichen Partner fungieren auch immer wieder als Garant*innen und Vermittler*innen in Verhandlungen mit bewaffneten Gruppen.

Unsere Partnerorganisationen vernetzen sich außerdem bei der Öffentlichkeitsarbeit und informieren auf nationaler und internationaler Ebene über die Situation vor Ort. Die zum Beispiel regelmäßig Berichte, wie sie zum Beispiel die Coordinación Regional del Pacífico Colombiano  zur Lage in der besonders betroffenen Pazifikregion veröffentlicht, bis zu Aufklärungsarbeit für Jugendliche und der Unterstützung lokaler Radiosender und Social-Media-Initiativen. 

Was bedeutet Vergangenheitsarbeit für die Menschen vor Ort?

Über Generationen traumatisierte Menschen sind durch die begleitete Auseinandersetzung mit der gewaltbelasteten Vergangenheit endlich wieder in der Lage, Vertrauen und gesunde Beziehungen aufzubauen. Das ist ein unerlässliches Fundament für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Im Centro Integral de Escucha der Sozialpastoral Apartadó könne sich beispielsweise von Gewalt Betroffene untereinander austauschen und Wege kennenlernen, mit den Belastungen umzugehen. 

Wie ist die Stimmung im Land? Was ist im täglichen Leben spürbar?

Gustavo Petro ist der erste Präsident der kolumbianischen Geschichte, der nicht aus dem Umfeld der traditionell etablierten Parteien kommt, sondern von einer breiten Allianz unterschiedlicher sozialer Akteure getragen wurde. Seine Regierung hat seit 2022 einiges in Bewegung gebracht. Die früher kaum repräsentierten afro-kolumbianischen und indigenen Gruppen sind inzwischen als Regierungsmitglieder und als Personen mit wichtigen öffentlichen Posten sichtbarer. Gleichzeitig bekommt die Regierung Petro viel Gegenwind von konservativen politischen Akteuren und Wirtschaftseliten, und die erneuerten Verhandlungsbemühungen mit unterschiedlichen bewaffneten Akteuren haben nur begrenzte Erfolge gebracht, so dass sich die Sicherheitssituation für die vom Konflikt betroffenen Gemeinden leider kaum verbessert oder gerade seit Beginn des stark polarisierten Wahlkampfs für die Wahlen 2026 sogar verschlechtert hat.

Welche positiven Entwicklungen gibt es außerdem?

Die durch den Friedensvertrag von 2016 geschaffene Übergangsjustiz hat viele Kriegsverbrechen vor allem gegen die Zivilbevölkerung aufgeklärt. Durch die Aussagen der Täter*innen erhielten viele Familien endlich Klarheit über das Schicksal ihrer Angehörigen. Sie konnten trauern und Abschied nehmen. Die Entschädigung von Opfern macht Fortschritte. Auch für den Umweltschutz gibt es einen großen Erfolg. Der kolumbianische Verfassungsgerichtshof hat den Fluss Atrato als Rechtssubjekt anerkannt, was Hoffnung für die Zukunft der so gebeutelten Umwelt in Kolumbien und die Menschen, deren Lebensgrundlagen von dem Flussökosystem abhängen macht. 
Mich beeindruckt immer wieder, wieviel trotz aller Herausforderungen auf lokaler Ebene passiert. Menschen, die unter extrem schwierigen Bedingungen leben und oft persönlich viel gelitten haben, setzen sich mit großem Mut und Beharrlichkeit jeden Tag für Begegnung, Versöhnung und Heilung ein.

Interview:
Originaltext von Nicola Quartz/Konsortium ZFD, Bearbeitung für AGIAMONDO/Ursula Radermacher

November 2025

Als eine der Trägerorganisationen des ZFD ist AGIAMONDO Mitglied im Konsortium Ziviler Friedensdienst