Vom Viehdieb zum Landwirt

Nicola Carradori (rechts) und der Bischof (dritter von rechts) besuchen Jugendliche, die ihre Waffen abgegeben haben, auf einer Bienenfarm. Das ist eine von mehreren alternativen Einkommensmöglichkeiten, die Justitia et Pax mit ihrem Friedensprogramm fördert.

Nicola Carradori ist Politikwissenschaftler und arbeitet als ZFD-Fachkraft für Konfliktmanagement mit jungen Männern in der Region Karamoja in Uganda.

Die Partnerorganisation Justitia et Pax Kommission der Diözeses Kotido, bei der Nicola Carradori arbeitet, fördert den Friedensprozess in der Region. Sie nutzt einen Ansatz, der auf Entwaffnung und Reintegration setzt – mit besonderem Fokus auf junge Viehdiebe. Mit der Journalistin Eva Tempelmann spricht der Italiener über Vertrauen und die Lebensumfelder, die uns prägen. 

Herr Carradori, Sie arbeiten seit 2022 als Friedensfachkraft bei der Justitia et Pax Kommission der Diözese Kotido im Nordosten von Uganda. Zu welchen Themen arbeitet Ihre Organisation und wie sind Sie dort eingebunden?

Nicola Carradori: Ich unterstütze die Kommission bei der Entwicklung und Umsetzung des Ansatzes „Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration“. Das Ziel des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) ist es, junge Männer – ehemals bewaffnete Viehdiebe – wieder in ihre Gemeinschaften zu integrieren und neue Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Traditionell spielte der Viehdiebstahl in den Gemeinschaften eine wichtige Rolle, etwa bei Eheschließungen oder der Wiederaufstockung von Viehbeständen. Durch die zunehmende Verbreitung von Schusswaffen und die Kommerzialisierung durch organisierte Banden hat sich jedoch die damit verbundene Gewalt drastisch erhöht. Der Mangel an Erwerbsmöglichkeiten und die Armut sind für die jungen Männer zusätzliche Anreize für den Viehdiebstahl, da sie ihre Familien anders nicht versorgen können.  

Als ich 2022 in Kotido ankam, war die Sicherheitslage vor Ort katastrophal, es gab offene Konflikte zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen, Viehdiebstähle und damit verbundene gewaltsame Übergriffe waren auf einem Höchststand. Das erste Jahr habe ich damit verbracht, die Situation vor Ort zu verstehen. Bei Justitia et Pax arbeite ich als integrierter Berater, mit zunehmend koordinierenden Aufgaben.

Gespräche statt Gewalt: Die Justitia et Pax Kommission organisiert Dialogtreffen in Gemeinschaften wie Lokomiebu, um über Zukunftsperspektiven zu sprechen.
Landwirtschaft statt Viehdiebstahl ist das Motto bei den Weiterbildungsmöglichkeiten der sozialen Programme der Justitia et Pax Kommission. Nicola Carradori probiert das Pflügen aus.
Bei geschützten Treffen wie hier im August 2025 kommen die entwaffneten Jugendlichen mit Vertretern von Justitia et Pax zusammen, um über Alternativen zum Viehdiebstahl und über Themen zu sprechen, die sie beschäftigen.
Auch die Herstellung von Lehmziegeln ist eine von vielen alternativen Erwerbsmöglichkeiten in der Region Karamoja im Norden von Uganda.
Der Film "Karachuna" ist eine Dokumentation über das Leben der ehemaligen Viehdiebe, produziert von der Justitia et Pax Kommission und dem italienischen Kollektiv Santabelva. Er schildert den Weg von Lokoro, einem jungen Viehdieb aus dem Volk der Karimojong, von seinen Raubzügen über die Entwaffnung bis zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft und seinem Engagement für den Frieden.
Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm "Karachuna" arbeitet mit kürzlich entwaffneten Jugendlichen und lokalen Amtsträgern. Im Film erzählen sie ihre Geschichte selbst.
Ein neuer Traktor erleichtert die Feldarbeit, die traditionell mit Pflug und Ochsen gemacht wird. Nicola Carradori (auf dem Dach), Mitarbeitende der Justitia et Pax Kommission und Mitglieder einer Jugendorganisation im Dezember 2025.
Die Karachuna sind ehemalige Viehdiebe in der Region Karamoja. Justitia et Pax unterstützt sie bei der Entwicklung von neuen Zukunftsperspektiven.

Was hat sich seit Beginn Ihrer Mitarbeit bisher verändert?

Nicola Carradori: Oh, eine ganze Menge! Die Kommission hat sich seit 2022 von einer kleinen Organisation mit drei Mitarbeitenden zur führenden Organisation für Friedensarbeit in Nord-Karamoja entwickelt, mit 27 Mitarbeitenden und einem Gesamtbudget von über einer Million Euro. Wir sehen, dass sich das Leben der jungen Männer deutlich verändert, weil unsere Dialog- und Lobbyarbeit die Maßnahmen der ugandischen Regierung zur Entwaffnung gut ergänzt und immer mehr junge Männer ihre Waffen freiwillig abgeben. Darüber hinaus unterstützt die Abteilung derzeit die Reintegration von mehr als 600 entwaffneten Jugendlichen durch sozioökonomische und psychosoziale Hilfe. Wir helfen den Gemeinschaften auch dabei, ihr Gemeinschaftsland vor Enteignung zu schützen.

Das ist tatsächlich beeindruckend. Wie ist es Ihnen denn zunächst gelungen, das Vertrauen der jungen Männer zu gewinnen?

Nicola Carradori: Das war ein schrittweiser Prozess. Anfangs waren die jungen Viehdiebe sehr misstrauisch. Aber dann wandten sich 2023 vier kürzlich entwaffnete Jugendliche an uns und baten um Hilfe. Sie waren es leid, mitanzusehen, wie ihre Freunde bei Viehdiebstählen ums Leben kamen. „Wir vertrauen der Kirche“, sagten sie und baten um geschützte Treffen, nur sie und wir, ohne Sicherheitskräfte. Das war riskant für uns, schuf aber einen sicheren Raum, in dem die Jugendlichen (die noch bewaffnet waren und sich versteckt hielten) uns zuhören und ihre Gedanken äußern konnten. Ihre Gewehre ließen sie unter Büschen in der Nähe des Treffpunkts zurück. Das war der Wendepunkt. Bald organisierten sie eigene Treffen, ergänzend zu unseren, mit 200 Leuten, manchmal mehr. Die entwaffneten Jugendlichen gingen nun ihrerseits auf andere zu, um sie zur Rückgabe der Waffen zu bewegen. Wir berieten sie dabei, stellten ihnen Guthaben für Mobilfunkgespräche zur Verfügung und weiteten unsere Unterstützung dann immer mehr aus.

Die positiven Auswirkungen meiner Arbeit auf das Leben anderer Menschen habe ich täglich vor Augen. Jeder Tag vor Ort ist eine neue Entdeckungsreise.

Nicola Carradori, ZFD-Fachkraft in Norduganda

Was hat die Kommission von Justitia et Pax anders gemacht als bei früheren Initiativen der Konfliktbearbeitung?

Nicola Carradori: Ein wesentlicher Faktor war, dass wir bereit waren, auf die Jugendlichen zuzugehen – und zwar zu ihren Bedingungen: ohne Sicherheitsbegleitung und mit einer echten Offenheit für Gespräche. Außerdem schlossen wir für die Rückkehrenden eine große Lücke, die von der Regierung und anderen Akteuren hinterlassen worden war: Während des Entwaffnungsprozesses waren viele Versprechungen zu wirtschaftlicher und finanzieller Unterstützung im Gegenzug für die Waffen gemacht worden. Keine davon wurde eingehalten. Erst die Justitia et Pax-Kommission hat die jungen Männer wirklich unterstützt.

Es gibt verschiedene Initiativen für alternative Einkommensmöglichkeiten und Bildung allgemein: Die Unterstützung verschiedener Gruppen durch maschinelles Pflügen mit Traktoren, Ausbildungsprogramme in regenerativer Landwirtschaft und Imkerei, Kurse in Unternehmensführung, Verwaltung und Finanzmanagement sowie Lese- und Schreibkurse für junge Erwachsene. Diese Initiativen sind in verschiedene Projekte eingebettet. Wir werden von unterschiedlichen Organisationen unterstützt, darunter die Italienische Bischofskonferenz, Mondo Aperto Onlus, DKA Austria und AGIAMONDO.

Ihre Schilderungen klingen hoffnungsvoll. Wie steht es denn um die Landkonflikte allgemein – nehmen diese ab?

Nicola Carradori: Nein, leider nicht. Seit sich die Sicherheitslage im Land verbessert hat, ist die Zahl der landwirtschaftlichen Investor*innen und Bergbauunternehmen, die versuchen auf das Land in Karamoja zuzugreifen, deutlich gestiegen. Sie beuten Ressourcen aus und vertreiben mit Hilfe lokaler Eliten Dorfgemeinschaften von ihrem Land. Das führt zu einem heftigen Wettbewerb um das verbleibende Land und die natürlichen Ressourcen, der oft in gewaltsamen Auseinandersetzungen mündet.

Sie arbeiten nun seit vier Jahren bei der Justitia et Pax Kommission in Kotido. Welche Aspekte Ihrer Arbeit bewegen Sie am meisten?

Nicola Carradori: Meine Arbeit bringt mich mit Menschen vor Ort in Kontakt, vor allem mit Jugendlichen, die sonst nur schwer zu erreichen wären, und ermöglicht es mir, echte Beziehungen aufzubauen, um Konflikte zu lösen. Schließlich sind nicht die Menschen selbst das Problem, sondern die Umstände, in denen sie aufwachsen. Ich denke da zum Beispiel an Lokwayare, einen jungen Mann aus Kaabong, der vom Viehdieb zum Leiter der entwaffneten Jugendlichen wurde. Die positiven Auswirkungen meiner Arbeit auf das Leben anderer Menschen habe ich täglich vor Augen. Jeder Tag im Feld ist eine neue Entdeckungsreise. Dafür habe ich meine frühere Stelle bei der EU-Kommission in Brüssel gerne aufgegeben.

Juli 2026

Text: Eva Tempelmann