Der gemeinsame Masterstudiengang der katholischen, orthodoxen und islamischen Fakultät der Universität Sarajevos bringt verschiedene religiöse Perspektiven zusammen und verbindet akademisches Lernen mit konkreter Begegnung. Dabei ist der Studiengang tief verankert im spezifischen historischen, religiösen, politischen und sozialen Kontext des Landes, gerade auch mit Hinblick auf den bewaffneten Konflikt 1992-1995.
Im Gespräch mit Hannah Reger, Trainee für Öffentlichkeitsarbeit bei AGIAMONDO, erklären Prof. Dr. Darko Tomašević, katholischer Priester und Professor in Sarajevo, und Tilo Krausse, Koordinator des Zivilen Friedensdiensts von AGIAMONDO in Bosnien und Herzegowina und Fachkraft zur Unterstützung des Masterstudiengangs, wie ein Studiengang zu einem Werkzeug für Frieden werden kann.
Herr Tomašević, warum haben sich die unterschiedlichen theologischen Fakultäten für diesen Masterstudiengang zusammengeschlossen?
Darko Tomašević: Frieden und interreligiöser Dialog sind hier keine theoretische Frage. Bosnien und Herzegowina ist seit Jahrhunderten ein Land, in dem katholische, orthodoxe und muslimische Gemeinschaften zusammenleben. Der Krieg hat dieses Zusammenleben tief verletzt. Viele Menschen tragen bis heute Erinnerungen an Gewalt, Verlust und Misstrauen mit sich. Unser Masterprogramm will deshalb zeigen, was religiöse Traditionen wirklich über Frieden, Versöhnung und den Umgang mit dem Anderen sagen – und wie daraus konkrete Verantwortung für die Gesellschaft wachsen kann. Unsere Studierenden entscheiden sich bewusst dafür, sich als Botschafter für Frieden und gesellschaftlichen Dialog in diesem Land einzusetzen.
Was unterscheidet dieses Studium von einem klassischen theologischen Studiengang?
DarkoTomašević: Er ist sehr interdisziplinär und weniger theoretisch. Natürlich geht es um akademische und theologische Vertiefung. Aber genauso wichtig ist die Begegnung. Die Studierenden lernen nicht nur über andere religiöse Traditionen, sie bewegen sich auch zwischen verschiedenen Fakultäten, kommen in unterschiedliche religiöse Kontexte und verbringen Zeit miteinander. Genau darin liegt die Kraft des Studiengangs: Aus Distanz kann Nähe werden, aus Unsicherheit Vertrauen. Wer dem anderen wirklich begegnet, sieht nicht länger nur eine religiöse oder gesellschaftliche Kategorie, sondern einen Menschen. Außerdem bringen unsere Studierende verschiedene akademische Hintergründe mit, haben vorher Politikwissenschaft oder Jura studiert, und bringen damit nochmal vielfältigere Blickweisen mit. Ich lerne sehr viel von ihnen.




