Religion in ihrem Friedenspotential ernstnehmen

Austausch zum Thema Interreligiöser Dialog zwischen Vertreter*innen des Konsortiums Ziviler Friedensdienst, des BMZ und der Universität Sarajewo. Mit dabei waren Bundestagsmitglied Thomas Rachel (Mitte), Prof. Dr. Darko Tomašević, katholischer Priester und Professor in Sarajevo (links von ihm) sowie ZFD-Koordinator Tilo Krausse von AGIAMONDO (links von Professor Tomašević). Thomas Rachel ist Beauftragter der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit und Mitglied des Deutschen Bundestags. Weitere Vertreter*innen des BMZ und des Konsortiums nahmen ebenfalls daran teil.

Was hilft einer Gesellschaft dabei, nach einem brutalen Krieg wieder zueinanderzufinden? In Bosnien und Herzegowina ist der Masterstudiengang "Interreligious Peacebuilding" einer von vielen Antwortversuchen darauf.

Der gemeinsame Masterstudiengang der katholischen, orthodoxen und islamischen Fakultät der Universität Sarajevos bringt verschiedene religiöse Perspektiven zusammen und verbindet akademisches Lernen mit konkreter Begegnung. Dabei ist der Studiengang tief verankert im spezifischen historischen, religiösen, politischen und sozialen Kontext des Landes, gerade auch mit Hinblick auf den bewaffneten Konflikt 1992-1995.

Im Gespräch mit Hannah Reger, Trainee für Öffentlichkeitsarbeit bei AGIAMONDO, erklären Prof. Dr. Darko Tomašević, katholischer Priester und Professor in Sarajevo, und Tilo Krausse, Koordinator des Zivilen Friedensdiensts von AGIAMONDO in Bosnien und Herzegowina und Fachkraft zur Unterstützung des Masterstudiengangs, wie ein Studiengang zu einem Werkzeug für Frieden werden kann.

Herr Tomašević, warum haben sich die unterschiedlichen theologischen Fakultäten für diesen Masterstudiengang zusammengeschlossen?

Darko Tomašević: Frieden und interreligiöser Dialog sind hier keine theoretische Frage. Bosnien und Herzegowina ist seit Jahrhunderten ein Land, in dem katholische, orthodoxe und muslimische Gemeinschaften zusammenleben. Der Krieg hat dieses Zusammenleben tief verletzt. Viele Menschen tragen bis heute Erinnerungen an Gewalt, Verlust und Misstrauen mit sich. Unser Masterprogramm will deshalb zeigen, was religiöse Traditionen wirklich über Frieden, Versöhnung und den Umgang mit dem Anderen sagen – und wie daraus konkrete Verantwortung für die Gesellschaft wachsen kann. Unsere Studierenden entscheiden sich bewusst dafür, sich als Botschafter für Frieden und gesellschaftlichen Dialog in diesem Land einzusetzen.

Was unterscheidet dieses Studium von einem klassischen theologischen Studiengang?

DarkoTomašević: Er ist sehr interdisziplinär und weniger theoretisch. Natürlich geht es um akademische und theologische Vertiefung. Aber genauso wichtig ist die Begegnung. Die Studierenden lernen nicht nur über andere religiöse Traditionen, sie bewegen sich auch zwischen verschiedenen Fakultäten, kommen in unterschiedliche religiöse Kontexte und verbringen Zeit miteinander. Genau darin liegt die Kraft des Studiengangs: Aus Distanz kann Nähe werden, aus Unsicherheit Vertrauen. Wer dem anderen wirklich begegnet, sieht nicht länger nur eine religiöse oder gesellschaftliche Kategorie, sondern einen Menschen. Außerdem bringen unsere Studierende verschiedene akademische Hintergründe mit, haben vorher Politikwissenschaft oder Jura studiert, und bringen damit nochmal vielfältigere Blickweisen mit. Ich lerne sehr viel von ihnen.

 

ZFD-Koordinator Tilo Krausse mit Student*innen der Universität Sarajewo
Blick auf Sarajewo, die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina
Unterwegs in Sarajewo

Sie beschreiben Begegnung als Schlüssel. Warum ist das für Sie so wichtig?

Darko Tomašević:  Ich glaube, dass viele Ängste aus Unkenntnis entstehen. Solange man den anderen nicht kennt, bleiben Vorurteile leicht bestehen. Wenn Menschen aber gemeinsam lernen, diskutieren und Zeit miteinander verbringen, verändert sich etwas. Der andere ist nicht mehr nur der Fremde, sondern jemand mit eigenen Erfahrungen, Werten und Hoffnungen. Solche Erfahrungen sind gerade in einer Gesellschaft, in der es einen gewaltvollen inneren Konflikt gab, von großer Bedeutung. Sie schaffen nicht automatisch Einigkeit, aber sie eröffnen Respekt und die Möglichkeit von Verständigung.

Herr Krausse, Sie sind nicht Teil der Lehre, aber eng in das Programm eingebunden. Was ist Ihre Aufgabe?

Tilo Krausse: Meine Rolle ist unterstützend und strukturgebend. Ich arbeite daran, dass das Programm organisatorisch und langfristig tragfähig wird. Die Lehrenden haben ihre regulären Verpflichtungen und dieses gemeinsame Masterprogramm kommt zusätzlich hinzu. Deshalb braucht es Menschen, die Prozesse anstoßen, koordinieren und weiterentwickeln

Neben dem Masterprogramm bietet Sie auch eine Summer School und weitere Formate an. Was wollen Sie damit erreichen?

Tilo Krausse: Die Summer School und Formate des "Study Travel" helfen, das Programm weiter zu öffnen und so dafür zu sorgen, dass es langfristig weitergehen kann. Menschen kommen nach Bosnien und Herzegowina, setzen sich mit der Geschichte des Landes auseinander, besuchen Orte des Leidens und lernen gesellschaftliche Konfliktlinien aus nächster Nähe kennen. Gleichzeitig stärken solche Formate die Sichtbarkeit des Programms und unterstützen die Idee, Sarajevo als wichtigen Ort für interreligiösen Dialog und Konfliktbearbeitung weiterzuentwickeln.

Herr Tomašević, welche Rolle können religiöse Gemeinschaften in diesem Prozess spielen?

Darko Tomašević: Eine sehr große. Religion kann zur Verhärtung beitragen – oder Räume für Heilung und Versöhnung eröffnen. Entscheidend ist, dass religiöse Traditionen nicht für Abgrenzung instrumentalisiert werden, sondern in ihrem eigentlichen friedensethischen Potenzial ernst genommen werden. Dazu gehört auch die Frage, wie man an Leid erinnert. In Bosnien und Herzegowina gibt es bis heute keine wirklich gemeinsame Erinnerungskultur für alle Opfer. Umso wichtiger ist die Einsicht, dass jedes Opfer Würde hat – unabhängig von religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit.

Was kann man auch außerhalb von Bosnien und Herzegowina aus dieser Arbeit lernen?

Darko Tomašević: Dass Zusammenleben nicht von allein gelingt. Frieden muss gelernt und gestaltet werden. Nicht jedes Land hat denselben historischen Kontext, aber überall dort, wo Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenleben, stellt sich die Frage, wie Vertrauen wachsen kann. Begegnung ist dafür ein Schlüssel. Wo Menschen einander nur aus der Distanz kennen, entstehen leichter Ängste und Projektionen. Wo sie sich wirklich begegnen, kann etwas anderes entstehen: Respekt, Offenheit und die Bereitschaft, gemeinsam Zukunft zu gestalten.

Gibt Ihnen das auch Hoffnung für die Zukunft?

Darko Tomašević: Ich bin ein optimistischer Mensch. Ich glaube, dass Veränderung im Kleinen beginnt. Niemand kann allein die Welt verändern. Aber wir können Einfluss auf unser eigenes Umfeld nehmen – auf die Menschen, mit denen wir leben, arbeiten und lernen. Wenn dort etwas wächst, kann sich dieser Kreis erweitern. Ich bin optimistisch, weil ich sehe, dass Begegnung Menschen verändert.

Tilo Krausse: Mir macht Mut, dass in den vergangenen Jahren viel aufgebaut wurde: neue Strukturen, neue Formate und mehr Sichtbarkeit für das Programm. Das zeigt, dass solche Prozesse Zeit brauchen, aber tragfähig werden können, wenn Menschen engagiert zusammenarbeiten.

01.09.2026

Interview: Hannah Reger