Frieden aufbauen, wo der Konflikt nicht endet

ZFD-Fachkraft Matthias Breuer und seine Kollegin Rita Córdova Gambio arbeiten bei Centros Integrales de Escucha. Dort werden ehrenamtliche Zuhörer*innen ausgebildet, die psychosoziale Begleitung und Erinnerungsarbeit unterstützen (von links). Mit dabei ist Paula Morales von der AGIAMONDO-Partnerorganisation Otra Escuela.

Beim Jahrestreffen des ZFD von AGIAMONDO in Kolumbien kamen Partnerorganisationen und ZFD-Fachkräfte in Bogotá zusammen. Im Focus standen die Auswertung der vergangenen Jahre und die Planung der nächsten Arbeitsschwerpunkte.

Vom 20. bis 22. April 2026 trafen sich rund 30 Vertreter*innen kolumbianischer Partnerorganisationen des ZFD und internationale sowie lokale ZFD-Fachkräfte von AGIAMONDO. Die Partner sind Organisationen aus der katholischen Kirche und der Zivilgesellschaft. Drei Tage lang werteten sie die Arbeit der vergangenen vier Jahre aus und planten die Schwerpunkte des neuen Länderprogramms 2027–2030.

Auch fast zehn Jahre nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens mit den FARC-EP kommt es in Kolumbien immer wieder zu neuer Gewalt. Illegale bewaffnete Akteure sind in vielen Regionen weiterhin präsent, soziale Anführer*innen werden bedroht, die Umsetzung des Abkommens verläuft schleppend. Friedensarbeit geschieht in Kolumbien nicht nach dem Konflikt, sondern mitten in ihm. Hinzu kommt, dass rund 80 Prozent der kolumbianischen Bevölkerung in Städten leben. In urbanen Räumen nimmt Gewalt andere Formen an als auf dem Land: städtische Banden ringen um die Kontrolle illegaler Ökonomien und ganzer Stadtviertel, Kinder und Jugendliche aus armen Vierteln werden zunehmend rekrutiert, und kriminelle Strukturen verflechten sich mit der lokalen Wirtschaft.

 

Bei dem Treffen in Bogotá waren ca. 30 Vertreter*innen kolumbianischer Partnerorganisationen des ZFD von AGIAMONDO dabei. Bei ihnen arbeiten internationale und lokale/kolumbianische ZFD-Fachkräfte von AGIAMONDO mit.
Vanessa Buitrago dokumentiert Arbeitsergebnisse an der Moderationswand. Als ein wichtiges Querschnittsthema für die Zukunft wurde von den Teilnehmer*innen die Arbeit gegen geschlechtsspezifische Gewalt, einschließlich der Arbeit mit Männern und Männlichkeitsbildern festgelegt.
Die Arbeitsgruppe diskutierte die Bedeutung der Friedenskultur für das neue Länderprogramm. Damit ist die Arbeit an einer Kultur des Friedens — also an einer langfristigen Veränderung von Einstellungen, Beziehungen und Alltagspraktiken, die Gewalt begünstigen — gemeint. Die Teilnehmerinnen kommen aus folgenden Partnerorganisationen: Liz Arevalo von Corporación Vínculos, Katherine López von Podion, Rita Córdova Gamboa von Centro Integral de Escucha, Bianca Bauer von Otra Escuela, Iliana Gutierrez von CRPC, Paula Morales von Otra Escuela, Julia Velasco von Misioneras Lauritas und Luz Mary López von Pastoral Social Popayán, (von links nach rechts)
Nubia Salamanca von der Regionalkoordination Pazifik (CRPC), einem Netzwerk aus Diözesen sowie indigenen und afrokolumbianischen Organisationen an der kolumbianischen Pazifikküste, und Camilo Benitez von der Umweltorganisation Siembra, die für die Rechte der Natur und der Bewohner*innen des Regenwaldes kämpfen, sprechen über ihre Arbeit.
Wie lässt sich eine Präsentation kreativer vorstellen? Iliana Gutiérrez (links) interviewt Schwester Julia Velasco von den Misioneras Lauritas im Stile einer Nachrichtensendung.
Miriam Heins und Katherine López von Podion stellen ihre Arbeit im "Noti-Flash"-Format vor. Dieses Nachrichtenformat vermittelt kurze, prägnante und schnelle Informationen.
Und Präsentieren geht auch unkonventionell mit "sprechendem" Luftballon: Diego Meza (Sozialpastoral Ipiales) und Lyda Molino (Corporación Otra Escuela) stellen ihre Arbeit vor.

Vier Jahre Bilanz: Kapazitäten in den Regionen

Zunächst ging es um die Auswertung der vier Arbeitsschwerpunkte des vergangenen Programms: sozio-ökologische Konflikte um Land und natürliche Ressourcen; Erinnerungsarbeit und psychosoziale Begleitung von Opfern des bewaffneten Konflikts; die Unterstützung von Wahrheits-, Gerechtigkeits- und Wiedergutmachungsprozessen im Rahmen des kolumbianischen Friedenssystems; sowie die Stärkung von Organisation und politischer Teilhabe von Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden.

Konkrete Beispiele prägten den Austausch: die psychosoziale Begleitung in den "Centros Integrales de Escucha" (Integrale Zentren des Zuhörens), die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen und Umweltvergehen, die Begleitung von Frauen aus der Region Urabá durch die Ruta Pacífica de las Mujeres, die als Opfer sexualisierter Gewalt im bewaffneten Konflikt anerkannt sind und sich auf ihre Anhörungen vor der Sonderjustiz für den Frieden vorbereiten, sowie die Arbeit mit jugendlichen Kollektiven in städtischen und ländlichen Regionen.

Die Partnerorganisationen haben in den Regionen Kolumbiens starke Prozesse aufgebaut, doch es fehlt oft an staatlichen Stellen, die diese Arbeit aufgreifen und nachfolgend politische Veränderungen anstoßen — etwa indem sie Empfehlungen der Wahrheitskommission und anderer Institutionen des Friedenssystems umsetzen, Mechanismen zur Bürgerbeteiligung tatsächlich mit Leben füllen oder den Schutz sozialer Anführer*innen gewährleisten.

"Wir haben Programme, die nicht die große strukturelle Veränderung hervorbringen", berichtet Stefan Pleisnitzer, ZFD-Koordinator von AGIAMONDO in Kolumbien, „aber die für die Menschen, mit denen wir arbeiten, persönlich ganz wichtige Anknüpfungspunkte sind."

Neue Schwerpunkte für 2027–2030

An den folgenden beiden Tagen erarbeiteten die Teilnehmer*innen die inhaltlichen Schwerpunkte des neuen Länderprogramms. Dialogprozesse, die Umsetzung des Friedensabkommens, der Schutz von Land und Umwelt sowie die Arbeit mit jungen Menschen bleiben tragende Pfeiler. Deutlich stärker als bisher rücken zudem zwei Querschnittsthemen in den Vordergrund: die Arbeit an einer Kultur des Friedens — also die langfristige Veränderung von Einstellungen, Beziehungen und Alltagspraktiken, die Gewalt begünstigen — sowie die Arbeit gegen geschlechtsspezifische Gewalt, einschließlich der Arbeit mit Männern und Männlichkeitsbildern.

"Überraschend war für mich das große Gewicht, das der Friedenskultur hier zugefallen ist", erläutert Pleisnitzer, "das bestätigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind, und verschiebt die Akzente noch einmal deutlicher in diese Richtung."

Geduld und die Einsicht, dass Friedensprozesse nicht linear verlaufen, prägen die Arbeit des ZFD in Kolumbien. Die drei Tage in Bogotá haben bestätigt, worauf die Partnerorganisationen und AGIAMONDO in den kommenden vier Jahren weiter setzen wollen.

April 2026

Text: Bianca Bauer/Ursula Radermacher