Pazifische Inselstaaten sind Akteure des Wandels

Zivilgesellschaftliche Organisationen in der Diskussion mit dem Leiter der deutschen Verhandlungsdelegation, Staatssekretär Dr. Jochen Flasbarth

Wie die AGIAMONDO-Fachkraft Klaus Schilder Partnerorganisationen im Pazifik dabei unterstützt, ihre Stimmen für Klimagerechtigkeit hörbar zu machen.

 

Die Klimakrise bedroht die Lebensgrundlagen vieler Menschen im Pazifik. Doch Klaus Schilder erlebt in seiner Arbeit in Fidschi nicht nur Sorge und Verlust. Vor allem begegnet er Menschen und Organisationen, die sich vernetzen, politische Forderungen formulieren und ihre Zukunft selbst gestalten wollen. Als AGIAMONDO Fachkraft leitet er seit September 2025 für Misereor die Dialog- und Verbindungsstelle für Ozeanien in Suva.

Frustration, Angst und Trauer seien angesichts der Klimakrise im Pazifik spürbar, berichtet Klaus Schilder in einem Interview mit klimareporter°. Gleichzeitig gebe es viel Hoffnung. Besonders deutlich wurde das bei der Pre-COP31 in Fidschi, die erstmals in der Pazifikregion stattfand.

Die vom 5. bis 8. Oktober 2026 veranstaltete Konferenz rückte die Perspektiven des Pazifiks ins Zentrum der internationalen Klimadiplomatie. Gemeinsam mit den begleitenden Stakeholder-Veranstaltungen kamen mehr als 4.000 Menschen aus über 100 Ländern zusammen.

Eine Botschaft war der Zivilgesellschaft im Pazifik dabei besonders wichtig: „Wir sind nicht die Opfer des Klimawandels. Wir sind Akteure des Wandels und wollen unser Schicksal selbst in die Hand nehmen.“

Partner stärken, Vernetzung fördern

Dieser Gedanke prägt auch die Arbeit der AGIAMONDO-Fachkraft. Von Suva aus unterstützt Klaus Schilder lokale Partnerorganisationen und fördert deren Vernetzung. Dabei geht es unter anderem darum, die Zusammenarbeit mit Diözesen und Bischofskonferenzen sowie ökumenischen und nicht-kirchlichen zivilgesellschaftlichen Initiativen im Pazifik zu intensivieren. Derzeit ist Misereor in Papua-Neuguinea, Fidschi, den Salomonen und den Cook-Inseln aktiv.

Im Mittelpunkt stehen die Bedarfe und Strategien der Partner vor Ort. Die Zusammenarbeit besteht nicht darin, von außen fertige Lösungen zu liefern. Vielmehr werden Partnerorganisationen dabei unterstützt, eigene Strategien weiterzuentwickeln, sich miteinander zu vernetzen und ihre Anliegen durch Lobby- und Advocacyarbeit politisch wirksam werden zu lassen.

Wie wichtig dafür Dialog-Räume sind, zeigte die Pre-COP31. Ihr offizielles Programm sollte insbesondere pazifische Stimmen stärken und Klima-Lösungen aus der Region sichtbar machen. Zivilgesellschaftliche Organisationen, Jugendgruppen, Wissenschaft, lokale Gemeinschaften und Entwicklungsorganisationen organisierten so genannte side events, die sich mit klimainduzierter Migration, mangelhafter finanzieller Unterstützung für Anpassung und Schadensausgleich, politischer Teilhabe der Zivilgesellschaft und vielen anderen Herausforderungen beschäftigten. Misereor unterstützt beispielsweise die Erzdiözese in Suva und lokale Gemeinschaften bei der Entwicklung von kulturell begründeten Klimalösungen, die den politischen VerhandlerInnen präsentiert wurden.

Wenn Klimapolitik über Heimat entscheidet

Für die Menschen im Pazifik sind internationale Klimaverhandlungen keine abstrakte Angelegenheit. Das gilt etwa für das 1,5-Grad-Ziel, bei dessen dauerhafter Überschreitung sich die Ozeane so sehr erwärmen würden, dass ein Großteil der Korallenriffe des Pazifiks nicht mehr zu retten wäre. Korallenriffe sind nicht zuletzt für Gemeinschaften, die von Fischfang leben, von zentraler Bedeutung.

Auch Anpassungen an den steigenden Meeresspiegel stoßen irgendwann an Grenzen. Korallenriffe und Mangroven können Küsten bis zu einem gewissen Grad schützen – ebenso wie Schutzmauern oder Landaufschüttungen. Allerdings stehen in Fidschi trotz dieser technischen Maßnahmen immer mehr Dörfer vor einer Umsiedlung. Rund 37 Dörfer sollen in den nächsten Jahren umgesiedelt werden. Eine solche Umsiedlung bedeutet weit mehr als neue Häuser zu bauen. Gemeinschaften müssen klären, wo ihre künftigen Gärten und Anbauflächen liegen, was mit heiligen Stätten geschieht und wie soziale Bindungen erhalten werden können. Selbst wenn eine Umsiedlung technisch gelingt, bleibt ein Verlust, der kaum zu ersetzen ist. Menschen können traumatisiert werden und verlieren ihre Heimat.

Klimagerechtigkeit braucht Zugang zu Finanzierung

Für zivilgesellschaftliche Organisationen und lokale Gemeinschaften stellt sich auch ganz praktisch die Frage, wie Klimaanpassung vor Ort finanziert werden kann. Der Zugang zu internationalen Mitteln ist gerade für kleinere Organisationen mit hohen bürokratischen Hürden verbunden. Die von den Regierungen der Inselstaaten gemeinsam gegründete Pacific Resilience Facility setzt hier an. Sie soll Gemeinschaften besseren Zugang zu Finanzierungen für Klimaanpassungsmaßnahmen und Katastrophenvorsorge ermöglichen. Bei der Pre-COP wurden weitere internationale Beiträge für den Fonds zugesagt. Deutschland ist mit fünf Millionen Euro dabei. Im von Misereor vermittelten Gespräch mit der deutschen Verhandlungsdelegation wiesen zivilgesellschaftliche VertreterInnen darauf hin, am Ausstieg aus fossilen Brennstoffen festzuhalten und die Klimafinanzierung zu erhöhen.

Für Anpassungsmaßnahmen bleiben diese öffentlichen Mittel besonders wichtig. Denn Investitionen etwa in Schutz vor Sturmfluten können Menschenleben retten, versprechen aber nicht unbedingt eine finanzielle Rendite. Werden solche Maßnahmen hauptsächlich über Kredite finanziert, kann dies zudem den Schuldendruck ohnehin verschuldeter Inselstaaten weiter erhöhen.

Verluste, die keinen Preis haben

Noch grundlegender ist eine Erfahrung, die in der Arbeit mit Partnern immer wieder sichtbar wird: Land und Meer sind im Pazifik nicht allein wirtschaftliche Ressourcen. Sie stehen in enger Beziehung zu Gemeinschaft, Kultur und spiritueller Identität. Im Pazifik spricht man in Abwandlung des Begriffs „Kleine Inselstaaten“ daher lieber von den „Großen Ozeanstaaten“.

Internationale Klimaverhandlungen versuchen solche Folgen als „non-economic loss and damage“ zu erfassen. Doch der Begriff macht zugleich eine Grenze deutlich. Was ist die eigene Heimat wert? Wie lässt sich der Verlust heiliger Orte oder kultureller Identität gerecht entschädigen?

Gerade hier kommt zivilgesellschaftlichen und kirchlichen Partnerorganisationen eine wichtige Rolle zu. Sie können Erfahrungen lokaler Gemeinschaften in gesellschaftliche und politische Debatten einbringen. Aufgabe der Misereor-Fachkraft ist es, Partnerorganisationen zu begleiten, Verbindungen zu stärken und sie bei der Entwicklung ihrer eigenen Advocacy-Strategien zu unterstützen.

Nicht über den Pazifik, sondern mit seinen Menschen

Die Bedrohung der pazifischen Inselstaaten durch die Klimakrise ist real. Doch wer die Region lediglich als im Ozean versinkende Inseln betrachtet, sieht nur einen Teil der Geschichte. Pazifische Staaten und zivilgesellschaftliche Akteure haben längst gezeigt, dass sie internationale Klimapolitik mitgestalten können. Die offiziellen Ziele der Pre-COP31 spiegeln diesen Anspruch wider: das 1,5-Grad-Ziel verteidigen, den Zugang zu Klimafinanzierung verbessern, den Zusammenhang zwischen Ozean und Klima stärker berücksichtigen und pazifische Führung sichtbar machen.

Für die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern folgt daraus ein klarer Ansatz: zuhören, vernetzen und Organisationen darin unterstützen, ihre eigenen Interessen wirksam zu vertreten. So entsteht ein anderes Bild des Pazifiks: Nicht das einer Region, die auf Lösungen von außen wartet, sondern das von Menschen, die ihre Zukunft selbst gestalten und internationale Verantwortung einfordern.

Sie sind nicht nur Betroffene der Klimakrise. Sie sind Akteure des Wandels.

 

 

Zur Person

Dr. Klaus Schilder ist Biologe und als entsandte Fachkraft von AGIAMONDO für Misereor in Suva, Fidschi, tätig. Er leitet dort die Dialog- und Verbindungsstelle für Ozeanien. Zu seinen Arbeitsfeldern gehören die Begleitung und Vernetzung von Partnerorganisationen sowie Beratung und Fortbildungen zur Lobby- und Advocacy-Arbeit. Thematische Schwerpunkte sind Klimawandel, Bergbau, Konflikttransformation und Gemeinwesenentwicklung.

 

Der Beitrag greift Inhalte seines Interviews mit Klimareporter° zur Pre-COP31 auf.

 

20.10.2026

Text: Dr. Klaus Schilder