Schwerpunkt ZFD-Mittelamerika - „Junge Menschen trifft die Pandemie auf emotionaler Ebene besonders stark“

Karolin Loch (rechts) mit ihrer Kollegin Andrea Plician Mendez

ZFD-Fachkraft Karolin Loch arbeitet seit 2018 bei der Menschenrechtsorganisation Centro para la Acción Legal en Derechos Humanos (CALDH) in Guatemala-Stadt. Mit ihren guemaltekischen Kolleg*innen erschließt die Erziehungswissenschaftlerin in der Casa de la Memoria „Kaji Tulam“ Pädagog*innen und Jugendlichen die Inhalte des Hauses. Casa de la Memoria ist ein öffentlicher Raum der Begegnung und Wissensvermittlung, der an das Leben und Wirken der indigenen Bevölkerung Guatemalas und ihrer Unterdrückung erinnert. Karolin Loch erzählt, wie der Raum der (physischen) Begegnung unter den neuen Bedingungen funktioniert:

„Zunächst wirkte die Aufregung um dieses neuartige Virus auf mich ,als Ganzes doch recht übertrieben'. Verstärkt wurde dies durch Posts von Freunden, die die weltweite tödliche Gewalt gegen Frauen betonten, die deutlich mehr Opfer gefordert hatte, als das unbekannte Virus. Erst als europäische Länder strikte Ausgangssperren verkündeten und unsere Arbeit ins Home-Office verlegt wurde, wurde mir das Ausmaß klar: In Zentralamerika würden viele Menschen nicht nur gesundheitlich betroffen, sondern ihre prekären Lebenssituationen weiter verschlechtert werden."

Einfallsreichtum und Kreativität gefragt

„Nach anfänglicher Schockstarre, war meinen Kolleg*innen und mir schnell klar, dass nun Einfallsreichtum und Kreativität gefragt sind. Darin sind die Leute hier Meister. Wir planten einen ersten Online-Workshop mit den Lehrer*innen, mit denen wir im Museum Kaji Tulam zum Thema Erinnerungspädagogik arbeiten. Durch den Erfolg ermutigt, gehen wir nun mit zusätzlichen Onlineworkshops auf die aktuellen Bedürfnisse der Lehrenden durch die Corona-Krise ein."

Lehrer*innen der Casa de la Memoria „Kaji Tulam“ bei einer Videokonferenz
Karolin Loch (rechts) mit ihrer Kollegin Andrea Plician Mendez

Umfrage zur Pandemie zeigte Betroffenheit von Jugendlichen

„Eine Umfrage, die wir mit Lehrenden und Freiwilligen sowie jugendlichen Ausstellungsbegleitern des Museums durchführten, zeigte, wie vielfältig deren Bedürfnisse sind. Es ging um gesundheitliche Sorgen bezüglich des Virus, aber auch um die pädagogische Arbeit mit Schüler*innen in der Distanz, wenn diese kaum Zugang zu digitalen Medien haben. Mindestens ebenso wichtig waren die alltäglichen Fragen des Überlebens.

Die Auswertung verdeutlichte, wie stark junge Menschen von der Pandemie auf emotionaler Ebene und den Folgen des social distancings betroffen sind. Daraufhin organisierten wir im Rahmen des ZFD-Projektes, Workshops für die Lehrenden und Museumsbegleiter*innen zum Thema Selbstfürsorge. In den Kursen erlernten sie Methoden, die helfen mit den emotionalen Herausforderungen dieser besonderen Zeit  umzugehen. CALDH organisierte zudem über humanitäre Hilfe Lebensmittelpakete für die besonders betroffenen Personen unserer Zielgruppe. Unsere Idee ist es, den Workshopteilnehmer*innen Internetplattformen zugänglich zu machen, so dass sie sich untereinander gegenseitig unterstützen können. Mit anderen vierstündigen Online-Dialogen wollen wir die aktuelle Situation und die Folgen der Pandemie in Guatemala reflektieren. Erneut sind die Menschen, insbesondere die Maya sowie die Frauen, am meisten von der Pandemie betroffen, die historisch in Guatemala ausgegrenzt und rassistisch diskriminiert wurden und werden."

Nacht der Museen im Online-Format

„So besteht die Verbindung zum Projektthema Erinnerungspädagogik der Casa de la Memoria weiterhin, auch wenn es momentan nur online geht. An der Nacht der Museen nahm CALDH mit einem Video des Museums teil. Ein großer Wunsch wäre nun eine 360-Grad-Ausstellung des Museums im Internet, die durch Unterstützung von AGIAMONDO und dem ZFD wahr werde könnte.

Das Alltagsgeschäft halten wir neben dem Administrativen mit konzeptuellen Diskussionen und dem Kontakt zu den Zielgruppen aufrecht. Doch wenn man nicht gemeinsam in demselben Büro arbeitet, dauert alles viel länger. Wir motivieren uns  jeden Tag mit neuen „Animos“ ( deutsch: Motivationen) – im tiefen Wissen, dass wir zu den Privilegierten in dieser Situation zählen.“

Text: Karolin Loch/ Ursula Radermacher

14.07.2020