Fachkraftarbeit in Zeiten von Corona – André de la Chaux, Timor-Leste: virtuelle Angebote für die Zielgruppen

André de la Chaux im Homeoffice in Dili.

André de la Chaux arbeitet als AGIAMONDO-Fachkraft im Zivilen Friedensdienst in Timor-Leste für die Organisation Ba Futuru – zu deutsch: „Für die Zukunft“ –, die auf den Gebieten Friedens-förderung, Gender-Empowerment, Kinderschutzerziehung, Lehransätze und Konflikttransformation tätig ist. De la Chaux arbeitet als Sozialpädagoge und Kommunikationswissenschaftler für und mit Jugendlichen. Hier berichtet er, welche Auswirkungen die Corona-Krise auf sein Leben und seine Arbeit hat – und wie er in der aktuellen Situation seine Partnerorganisation besonders gut unterstützen kann.

„Bisher erlebe ich die Situation hier in Timor-Leste als sehr ruhig. Trotz der andauernden Regierungskrise, der großen Überschwemmungen hier in Dili Mitte März und jetzt dem landesweit ausgerufenen Notstand kommt keine Panik oder Hektik auf. Viele Ausländer haben das Land verlassen und auch viele Timoresen sind zu ihren Familien außerhalb der Hauptstadt gefahren. Die Stadt ist dadurch sehr ruhig geworden. Ich fühle mich sicher und kann auch weiterhin für meine Partnerorganisation arbeiten.

Arbeit im Büro weiterhin möglich – Herausforderung: WhatsApp-Gruppenchats auf Tetum

Ins Büro zu gehen ist weiterhin erlaubt, wobei wir darauf achten, dass nicht zu viele Kollegen gleichzeitig im Büro sind – maximal fünf in einem Raum. Ich versuche, nur dann ins Büro zu fahren, wenn es wirklich notwendig ist, sonst arbeite ich von zu Hause aus. Als der erste – und bisher einzige – Corona-Fall in Timor-Leste bekannt wurde, haben wir mehrere Whatsapp-Gruppen für die unterschiedlichen Arbeitsbereiche meiner Partnerorganisation erstellt. Die Kommunikation in den Gruppen findet in der Landessprache Tetum statt. Die Sprache ist für mich auch nach sechs Monaten in Timor-Leste eine echte Herausforderung. Vor der Krise konnte ich mich in den persönlichen Treffen häufig noch ins Englische retten. Das geht jetzt nicht mehr. Denn auch offizielle Bekanntmachungen der Regierungen werden meist erst in Tetum und Portugiesisch veröffentlicht. Das Gute: So lerne ich die Sprache jetzt umso schneller.

Corona-Aufklärungssongs auf TikTok, WhatsApp und Co. 

Meine Partnerorganisation hat sehr schnell auf die Situation reagiert. Wir arbeiten sonst viel im direkten Kontakt mit unseren Zielgruppen und sind dafür im ganzen Land unterwegs. Solche Veranstaltungen sind aber derzeit nicht erlaubt. Deshalb sind wir auch hier auf die virtuelle Möglichkeiten umgestiegen: Wir arbeiten jetzt mit einer Band aus Dili zusammen, die einen Corona-Aufklärungssong geschrieben hat. Das Lied soll jetzt aufgenommen und über Social Media-Kanäle wie WhatsApp und TikTok an Jugendliche und junge Erwachsene im ländlichen Bereich verschickt werden, zusammen mit einem Musikvideo und weiteren kleinen Aufklärungsvideos. Mit den Jugendlichen haben wir schon in der Vergangenheit im Programm „Youth ChangeMaker“ zusammengearbeitet, in dem sie lernen, wie sie selbst Veränderungsprozesse in ihren Dörfern und Städten anstoßen können. Mit den neuen Materialien wollen wir die Menschen außerhalb der Hauptstadt erreichen, die nicht immer Zugang zu allen Informationen haben. Das Internet in Timor-Leste ist oft sehr langsam und teuer, dennoch hoffen wir, so einen Beitrag zur Coronaprävention leisten zu können.

Bastelvideos für Kindergartenkinder, Techniktutorials und Medienbildung für die Kollegen

Diese Woche saß ich mit dem Team des Kindergartens unserer Organisation zusammen und wir haben überlegt, wie wir die Kinder aktuell erreichen können – denn Kindergärten und Schulen sind auch hier geschlossen. Deshalb werden wir in den nächsten Wochen kleine Videos mit Bastelideen und Experimenten erstellen, die die Eltern mit ihren Kindern zu Hause nachmachen können. Auch werden wir Geschichten vorlesen und vor der Kamera tanzen. Auch diese Videos verschicken wir dann per WhatsApp an die Eltern.

Für meine direkten Kollegen erstelle ich außerdem kleine Tutorial-Videos, die erläutern, wie sie diverse Programme und Apps im Homeoffice einsetzen können. Auch eine kleine E-Learning-Einheit zum Thema Fake News/Hoax News ist in Planung. Als studierter Medienpädagoge bin ich auf das Erstellen von Medienbildungsangeboten spezialisiert – und kann so meine Partnerorganisation und meine Kollegen in diesem Thema gut unterstützen.

Offene Restaurants und Geschäfte

In Timor-Leste wurde vor ca. 1,5 Wochen der Notstand ausgerufen. Zwar gibt es bisher nur einen bestätigten Corona-Fall. Die Erfahrungen aus anderen Ländern und ökonomische Aspekte waren jedoch offensichtlich Grund genug für diese Entscheidung. Gegenüber vielen andern Ländern sind hier, wie ich finde, die Bestimmungen noch nicht ganz so umfassend. Viele Geschäfte und Restaurants sind noch geöffnet. Bevor man ein Geschäft betritt, muss man allerdings jetzt vorher die Hände waschen und während des Einkaufs eine Mund- und Nasenschutzmaske tragen. Hamsterkäufe oder Ähnliches gab es, bis auf das Wochenende, an dem der erste Fall bekannt wurde, nicht. Die Regale sind gut gefüllt.

Trotzdem gibt es einige Einschränkungen: Gruppensport ist untersagt, der öffentliche Nahverkehr wurde eingestellt. Auch das Zusammensitzen mit mehr als fünf Personen ist nicht gestattet. Ansonsten geht das Leben hier, wenn auch deutlich ruhiger, normal weiter. Timor-Leste hat eine sehr junge Bevölkerung und normalerweise sieht man große Kinder- und Jugendgruppen durch die Stadt ziehen. Zur Zeit wirkt Dili – was das angeht – fast schon kinderlos. 

Badminton und Kaffee statt Social Distancing

Da die Situation hier im Land noch nicht so drastisch ist, wie in anderen Ländern, ist diesbezüglich noch nicht so viel passiert. Ich erlebe die Timoresen als ausgesprochene Familienmenschen. Entsprechend ziehen sich viele gerade in ihren familiären Bereich zurück. Ich selbst lebe inmitten einer timoresischen Großfamilie. Am späten Nachmittag, wenn es nicht mehr heiß ist, kommen alle aus ihren Häusern und wir treffen uns im Innenhof und spielen etwas Badminton oder trinken einen Kaffee zusammen.“

 

Gesprächsprotokoll: Theresa Huth

15.04.2020