Wir müssen die Perspektive wechseln

Gesellschaftliche Veränderungsprozesse wie jene, die durch Landkonflikte in Uganda ‎entstehen, haben in vielerlei Hinsicht globale Ursachen. Der weltweite Rohstoffbedarf und ‎internationale Konzerninteressen befeuern das Problem vor Ort. In Europa steigt die Zahl der ‎Geflüchteten, die Klimaerwärmung schreitet in rasantem Tempo voran, Nationalismus und ‎Rassismus greifen um sich. Wie AGIAMONDO personelle Zusammenarbeit gestaltet, um ‎aktuellen Anforderungen gerecht zu werden, bespricht Michael Detscher, Leiter des Teams ‎Personalvermittlung, im Interview.‎

Wie beurteilen Sie die Herausforderungen, vor denen die personelle Zusammenarbeit steht?

Entwicklungswege sind vielfältig. Bis heute dominieren jedoch Konzepte, die im Nord-Süd-Transfer von Wissen und Können den einzigen Mehrwert internationaler personeller Zusammenarbeit sehen. Dieser Gedanke ist im Kern patriarchal und ebenso überholt wie die Idee, Ziel von Entwicklung seien Industrialisierung, Marktwirtschaft und liberale Gesellschaftsordnungen. Mehr als ein halbes Jahrhundert wurde nach diesem Schema vorgegangen. Im Ergebnis müssen wir feststellen: Es festigen sich Reichtum und Macht auf der einen und Elend und Marginalisierung auf der anderen Seite – und zwar nicht nur im globalen Maßstab.

Durch Konsumfixierung und nicht nachhaltige Industriealisierung verursachte ökologische Krisen, Artensterben, Klimaerhitzung – diese Probleme betreffen jeden von uns. In diesem Sinne sind wir alle Entwicklungsländer. Das stellt auch die Agenda 2030 fest. Die Frage ist allerdings: Wer trägt die Verantwortung für die Misere und wer ist am stärksten von ihr betroffen.

Ausgrabung des Kalksteins in Kosiroi ‎– ‎für das gesamte Abbaugebiet steht nur ein Bagger zur Verfügung, dessen Leihgebühr die Menschen ‎zudem selbst bezahlen müssen.‎

Welchen Mehrwert hat personelle Zusammenarbeit?

Entwicklungshelfer*innen generieren gemeinsam mit Partnern Erfahrungswissen und originelle Handlungsoptionen. „Reibungswärme“, die aus der Zusammenarbeit von Menschen entsteht, die sich fremd sind, treibt diesen Prozess an. Beide Seiten übernehmen Verantwortung für gesellschaftliche Problemlagen, hinterfragen Bedingungen und sehen sich selbst als Akteure, die etwas bewegen können. Dabei ist es eigentlich unerheblich, wo sie zusammenarbeiten – überall da, wo Probleme gelöst werden müssen. Also auch bei uns.

Was können wir ändern?

Wir müssen die Perspektive wechseln und Deutschland ebenfalls als Entwicklungsland begreifen. In diesem Sinne sollten wir unter anderem richtungsunabhängige Personalvermittlung fördern. Durch den Einsatz einer Südfachkraft in einer deutschen Organisation ergibt sich nicht nur der Vorteil beidseitiger Lernerfahrung. Nach der Rückkehr der Südfachkraft können Netzwerke vor Ort von diesen Lernerfahrungen ebenso profitieren und das neue Wissen für sich nutzen. Das ist ein großer Gewinn. AGIAMONDO setzt Süd-Nord-Vermittlungen bereits um, jedoch ist es noch sehr aufwendig, weil sie als Einzelfälle und nicht im Rahmen eines geregelten Dienstes realisiert werden.

Gleichzeitig sollte in Deutschland ein Netzwerk entstehen, in das Rückkehrer ihre im Süden erworbenen Kenntnisse einbringen und so zur notwendigen gesellschaftlichen Transformation bei uns beitragen können. AGIAMONDO befürwortet daher den Aufbau eines sozialökologischen Fachdienstes im Inland. Damit zeigen wir auch, dass wir uns selbst als Teil globaler Veränderungsprozesse begreifen.

 


Der ZFD in Uganda: Konstruktive Konfliktlösung unterstützen

Das Programm Ziviler Friedensdienst von AGIAMONDO in Uganda unterstützt katholische Diözesen und Nichtregierungsorganisationen dabei, Menschen in gesellschaftlichen Veränderungsprozessen zu begleiten.

Da Landkonflikte sehr häufig sind und oft gewaltsam eskalieren, setzt der ZFD in seiner neuen Landesstrategie einen Schwerpunkt auf deren Bearbeitung. Aktuell begleiten sechs AGIAMONDO-Friedensfachkräfte ihre ugandischen Partnerorganisationen bei ihrer Arbeit. Es geht darum, gewaltsame Konflikte zu verhindern und Gesellschaftssysteme so zu stärken, dass sie mit komplexen Herausforderungen in positiver Weise umgehen, konstruktiv auf Konflikte reagieren und sich für ihre Rechte einsetzen können.