"Tödlicher als das Virus sind die sozialen Abgründe" – Maria Oberhofer berichtet aus Brasilien

AGIAMONDO-Fachkraft Maria Oberhofer arbeitet seit 1995 als Beraterin für Landfragen, Menschenrecht und Bildung bei der brasilianischen Organisation IRPAA (Regionales Institut für angepasste Kleinbauernwirtschaft und Tierhaltung). Für Ihre Arbeit, die durch das Kindermissionswerk 'Die Sternsinger' e. V., die Erzdiözese München Freising sowie Solidaritätsgruppen finanziert wird, wurde Sie im Jahr 2019 mit dem AGIAMONDO-Engagement-Preis ausgezeichnet. Hier schildert Sie, wie die Corona-Pandemie sich auf die Arbeit von IRPAA auswirkt – und welche Chance sie in der Krise sieht.

"Hier in Brasilien spitzt sich die Lage immer mehr zu. Neben der Corona-Pandemie verschlimmert vor allem die politische Krise die Lage zusehends. Im Land herrscht großes Chaos, weil der rechtsextreme Präsident Jair Bolsonaro genau das Gegenteil von dem tut, was seitens der Weltgesundheitsorganisation empfohlen wird. Er ist der Meinung, dass wegen einer "kleiner Erkältung" die sowieso nur alte Menschen treffe, die Wirtschaft nicht leiden dürfe. Er provoziert, indem er bei öffentlichen Auftritten auf Hygienemaßnahmen verzichtet und die Abstandsregeln nicht einhält. Laut Angaben der John Hopkins-Universtität haben sich – stand heute – bislang mehr als 1.4 Millionen Brasilianer mit dem Virus infiziert und fast 60.000 Menschen sind daran gestorben. Damit ist Brasilien das Land mit den zweitmeisten Infektionen weltweit. Jedoch bin ich relativ sicher, dass die Zahlen sicher nicht der Realität entsprechen, denn in der Regel werden nur wenige Menschen getestet und die Dunkelziffer dürfte entsprechend hoch sein.

Aufgrund der Corona-Krise mussten auch wir unsere Arbeit mit der kleinbäuerlichen Bevölkerung und den traditionellen Landgemeinden anpassen. Wegen der Verschärfung der Krise und den Empfehlungen von Gesundheitsbehörden und Partnerorganisationen haben wir bereits Ende März alle Fahrten in die Gemeinden im Trockengebiet Brasiliens abgesagt. Glücklicherweise verfügen viele der Landgemeinden über Internetzugänge und Telefonanschlüsse. So können wir die Begleitung mit virtuellen Besprechungen aus dem Homeoffice heraus fortsetzen. Nach anfänglichem Zögern öffnen sich die Menschen für diese Art der Kommunikation und wir haben bereits mehrfach die Rückmeldung von den Familien der Landgemeinden erhalten, wie wichtig es ist, besonders in Konfliktsituationen, auf unsere Begleitung und Beratung bauen zu können. Trotzdem hoffe ich, dass die Pandemie bald vorbei ist und wir wieder in die Landgemeinden fahren können, um vor Ort mit den Familien zu sprechen und sie zu beraten.

Wissenswert

Das regionale Institut für angepasste Kleinbauernlandwirtschaft und Tierhaltung (IRPAA) ist eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Juazeiro, im Bundestaat Bahia, im Zentrum der semi-ariden Region Brasiliens, die mit knapp 1.130.000 km² über dreimal  so groß wie Deutschland ist. Es ist eine Region, in der Landvertreibung, Unterdrückung und Bedrohung eine lange Tradition haben. Seit über 30 Jahren entwickelt das Institut eine technisch-pädagogische Zusammenarbeit mit der kleinbäuerlichen Landbevölkerung, mit dem Ziel, neue klimagerechte Wirtschafts- und Lebensformen zu vermitteln und eine gerechtere Umverteilung des Landes zu erreichen.

Vor Corona: Ein Mitarbeiter von IRPAA erläutert Journalismus-Student*innen eine Vorrichtung zur Klärung von Gebrauchwasser für die Bewässerung von Futterpflanzen – eine wichtige Maßnahme in der semiariden Region Brasiliens.


Insgesamt ist die Arbeit aufgrund der Krise nicht weniger, sondern mehr geworden: Seit Kurzem beteiligt sich IRPAA an der Durchführung von Notfallprojekten, die darauf abzielen, die am stärksten von der Krise betroffene Bevölkerung in den Randgebieten der Stadt Juazeiro und in den Landgemeinden der Diözese Juazeiro im Bundesland Bahia zu versorgen. Wir verteilen beispielsweise in Zusammenarbeit mit der Brasilbank-Stiftung Nahrungsmittelkörbe an Bedürftige, organisieren Gruppen zur Herstellung von Gesichtsmasken in Projektpartnerschaft mit der Regierung des Bundeslandes Bahia und arbeiten zusammen mit dem Kinder- und Jugend-Rat von Bahia und der Stiftung Oswaldo Cruz an der Ausarbeitung von Projekten zur Unterstützung von Familien in der semiariden Region. Außerdem nehmen Vertreter von IRPAA an Besprechungen zur Bewältigung der von der Pandemie verursachten Krise in verschiedenen Netzwerken, Foren und Räten teil.

Ein Irpaa-Mitarbeiter (r.) überreicht einem Jugendlichen der Landgemeinde Olho D'Aguinha im Landkreis Sento Sé Nahrungsmittel. Im Hintergrund das Banner der Brasilbank.
Ein Vater und seine beiden Kinder in der Landgemeinde Lagoa Grande São José, Landkreis Pilao Arcado, nach dem Erhalt von Nahrungsmitteln durch IRPAA-Mitarbeiter.
Eine Familie in der von IRPAA begleiteten Landgemeinde Algodões Velho, im Landkreis Sobradinho hat vor das Eingangstor ihres Grundstücks Wasser und Seife aufgestellt mit der Bitte, sich vor Betreten des Grundstücks die Hände zu waschen.


Ich hoffe, dass die Krise viele zum Nachdenken anregt. Oft hört man hier das Sprichwort „Wir sitzen alle in einem Boot“. Es ist jedoch wichtig, zu hinterfragen, ob wir alle auf dem Ozean das gleiche Boot zur Verfügung haben. Alle Menschen können sich mit dem Corona-Virus infizieren, aber nicht alle haben die Möglichkeit, eine angemessene Behandlung zu erhalten.

Was tödlicher ist als das Virus, sind die sozialen Abgründe, die unsere Gesellschaft hervorgebracht hat und die jetzt mehr als je zuvor sichtbar werden – obwohl oft so getan wird, als ob diese nicht existierten. Es ist sehr wichtig, gerade in dieser Krisenzeit die soziale Ungleichheit und vor allem die Gründe dafür anzusprechen. Denn Krisen geben auch immer die Möglichkeit, zu lernen und fordern von jedem Menschen Lernprozesse.

Auch müssen wir alle ganz dringend unser Konsum- und Produktionsverhalten hinterfragen. Mehr als je zuvor ist es wichtig, dass sich alle Menschen im Klaren darüber sind, dass jede Ausbeutung der Naturressourcen Auswirkungen auf die Weltbevölkerung und die Biome hat. Es gibt nur eine Welt und jeder Raubbau – egal auf welchem Teil der Erde – wirkt sich negativ auf die Gesundheit des Planeten aus."

Gesprächsprotokoll: Theresa Huth

02.07.2020