Schwerpunkt ZFD-Mittelamerika - Mit harter Hand unter dem Heiligenbild Romeros

ZFD-Fachkraft Theresa Denger

Theresa Denger arbeitet als Fachkraft im Masterstudiengang Lateinamerikanische Theologie an der Zentralamerikanischen Universität José Simeón Cañas (UCA) in El Salvador. Sie lebte bis vor kurzem mit ihrem Mann und den drei Kindern in San Salvador. Im Interview beschreibt sie, wie ihre persönliche und berufliche Situation durch die Pandemie beeinflusst wurde.

Welche Maßnahmen in El Salvador trafen Sie persönlich besonders?

Das erste, was sichfür meine Familie und mich durch Corona grundlegend veränderte, war die Schließung der Schulen und Kitas, die der salvadorianische Präsident Nayib Bukele am 11. März in einer Ansprache an das Volk mit sofortiger Wirkung anordnete. Das löste bei meinem Mann und mir Gedanken an die nahe bevorstehende Geburt unseres dritten Kindes aus, die nun ohne die vertraute Betreuungshilfe für unser drei- und sechsjähriges Kind zu organisieren war. Nachdem am 18. März die letzten Parks und Grünflächen geschlossen und am 21. März eine strenge Ausgangssperre verhängt wurden, fiel uns die Aufgabe zu, die Kinderbetreuung in den eigenen vier Wänden täglich neu kreativ zu lösen. Belastend waren für uns die wöchentlichen Einkaufswege, die oft an Militärpatrouillen vorbei und durch rigide Polizeikontrollen führten.Am 3. April kam unser Baby in San Salvador während der Ausgangssperre auf die Welt. Gott sei Dank ging alles gut.

Wie wirkten sich die Einschränkungen auf die gesellschaftliche Situation aus?

Wer in El Salvador gegen die strikten Regeln verstieß, konnte schnell verhaftet und für 30 Tage oder länger in eines der berüchtigten Quarantäne-Lager verwiesen werden. Diese entpuppten sich aufgrund mangelnder hygienischer Bedingungen in vielen Fällen als Ansteckungsherde. Die Regierung setzte vor allem Waffen ein, um die Einhaltung der Anordnungen zu erzwingen, statt mit medizinischer Expertise sowie professioneller Beratung gegen das Virus vorzugehen. Das verängstigte die Menschen eher. Für die meisten war das Zuhause bleiben leichter gesagt als getan. Besonders die im informellen Sektor tätigen Menschen hatten plötzlich keinen Verdienst mehr. Viele Frauen und Kinder, die unter häuslicher Gewalt leiden, waren nun mit ihrem Aggressor eingesperrt. Häufig war die Wasserversorgung nicht gesichert, wodurch die notwendigen Hygienemaßnahmen nicht umgesetzt werden konnten. Angesichts dieser bedrohlichen Lebensrealitäten waren die von der Regierung veranlassten punktuellen Geldzahlungen und die Lebensmittelverteilung ein Tropfen auf den heißen Stein – ein Tropfen, der rasch verdunstete und das Land auf lange Zeit noch höher verschuldete.
Rückblickend kann gesagt werden, dass die harten Maßnahmen der Regierung einen massiven Ausbruch der Pandemie nicht verhindern konnten. So stehen seit Anfang Juli Krankenhäuser vor dem Kollaps und besonders Ärzte, Ärztinnen und Pflegepersonal zählen zu den Todesopfern.

Rodrigo Recinos spricht per Videobotschaft über die politische Lage in El Salvador, die er im Lichte Oscar Romeros deutet.
ZFD-Fachkraft Theresa Denger arbeitet im Home Office in Deutschland

Was ist Ihr aktuelles Projekt an der Universität und wie können Sie es weiterführen?

Am 22. Mai hatten wir die Möglichkeit, mit einem sogenannten humanitären Flug über Mexiko und die Niederlande vorübergehend nach Deutschland auszureisen. Von dort arbeite ich nun virtuell an der Erinnerungsarbeit zu dem 1980 ermordeten und 2018 heiliggesprochenen Erzbischof Oscar Romero mit. Mein Team vom Masterstudiengang Lateinamerikanische Theologie an der Zentralamerikanischen Universität José Simeón Cañas  (UCA) hatte mit dem virtuellen Arbeiten schon lange vor Corona Erfahrung. Das Pensum kann seit einigen Jahren als Fernstudium online absolviert werden. Und doch steht die theologische Erinnerungsarbeit in Zeiten, in denen ein Präsident unter dem Heiligenbild Romeros an die Nation spricht, betet und mit harter Hand den Ausnahmezustand verhängt, vor neuen Herausforderungen. Um der Instrumentalisierung Romeros und des Glaubens entgegenzuwirken, kommentieren wir wöchentlich per Videobotschaft die neusten politischen Entwicklungen, indem wir sie aus der Sicht der Predigten und Schriften des Heiligen auslegen. Dadurch möchten wir zu einer kritischen Bewusstseinsbildung in der Gesellschaft beitragen und Diskussionen anregen. Parallel dazu arbeiten wir an der Konzipierung eines Onlineworkshops zum Vermächtnis Romeros angesichts neuer und alter Herausforderungen.

Text: Theresa Denger/ Ursula Radermacher

15.07.2020