‎„Gemeinsam wollen wir die Welt gestalten“‎

Die Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) begeht Jubiläum: Wenn es um Entwicklungszusammenarbeit geht, stehen oft die großen Hilfswerke im Fokus. Doch ‎unverzichtbar für deren erfolgreiches Wirken in Afrika, Asien und Lateinamerika ist die Vermittlung ‎von Fachkräften. Hierbei verlassen sich alle auf die AGEH. Seit nun 60 Jahren. ‎

Frau Dr. Lücking-Michel, die Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe – kurz AGEH – wurde 1959 von katholischen Verbänden und Organisationen als Personaldienstleister für internationale Zusammenarbeit gegründet. Seitdem ist sie ein staatlich anerkannter Entwicklungsdienst. Was feiern Sie im Jahr 2019?

Dr. Claudia Lücking-Michel (Geschäftsführerin der AGEH): Jede Entwicklung beginnt und endet bei Menschen und entfaltet sich durch Begegnung und Dialog. Das ist die Grundüberzeugung, auf der das Engagement unserer Arbeitsgemeinschaft basiert. Vor 60 Jahren haben sich 30 katholische Verbände und Organisationen, zu denen auch die großen Hilfswerke Misereor, Adveniat, Missio, Kolping International und zahlreiche Bistümer gehörten, zusammengetan und eine erfolgreiche personelle Zusammenarbeit begründet, die bis heute mit denselben Trägern besteht, aber im Laufe der Zeit auch immer noch neue Mitglieder wie beispielsweise Renovabis hinzugewinnen konnte. In diesem Jahr nun nehmen wir den runden Geburtstag zum Anlass, um auf einen wichtigen Aspekt hinzuweisen, der sich in all den Jahren immer wieder bestätigt hat: Wirklich entscheidende Lernerfahrungen sind nur durch persönliche Beziehungen möglich. Unser Kernanliegen ist der personelle Austausch – wenn man so will: die Ressource Mensch. Nach unserer Vorstellung sind menschliche Beziehungen Bestandteil eines ganzheitlichen Begriffs von Entwicklung. Daher geht es uns bei der Förderung von Entwicklungen in allen Teilen dieser Welt um Man-Power, nicht um Geldspenden. Wir vermitteln Menschen, die sich mit ihrer beruflichen Qualifikation ebenso in Dienst nehmen lassen wie mit ihrer persönlichen Motivation. Wir verstehen uns dabei als eine globale Solidargemeinschaft, in der alle voneinander lernen und sich gegenseitig inspirieren. Und hier gibt es mit vielen, vielen Fachkräften sowie Rückkehrerinnen und Rückkehrern eine ganze Menge zu feiern.

Wer von der Welt als einem globalen Dorf spricht, meint damit oft ein ganzjähriges Angebot exotischer Früchte im Supermarkt, minütlich aktuelle Nachrichten aus aller Welt und die Möglichkeit, über das Internet jede Form von Wissenslücke zu füllen. Nicht bedacht wird oft dabei, dass es weltweit viele Regionen gibt, die von dieser globalen Gemeinschaft ausgeschlossen sind. Das heißt, hier leben Menschen ohne die Chance auf Bildung, eine lebensnotwendige Wasserversorgung oder medizinische Grundsicherung. Was kann die AGEH daran ändern?

Lücking-Michel: Wir bringen Menschen zusammen, die die Vorstellung teilen, dass menschenwürdige Lebensbedingungen auf der ganzen Welt Wirklichkeit werden sollen. Dabei motiviert uns unser christliches Selbstverständnis. Und da kann uns nicht egal sein, wie es den Menschen auf der südlichen Halbkugel unserer Erde geht: in den Slums von Peru oder in den von jeder Infrastruktur abgeschnittenen Dörfern im Süd-Sudan. Daher vermitteln wir qualifizierte Fachkräfte mit vielfältigen Expertisen aus Deutschland und anderen Ländern der Europäischen Union in Projekte nach Afrika, Asien und Lateinamerika sowie nach Ost- und Südosteuropa. Unsere Projektpartner und Auftraggeber sind zum Beispiel Hilfswerke wie Misereor und Caritas International, Ordensgemeinschaften oder Diözesen und viele weitere kirchliche, aber auch außerkirchliche Nichtregierungsorganisationen, die uns eine gezielte Anfrage schicken, auf die wir personell passgenau zu reagieren versuchen.

Können Sie Beispiele nennen?

Lücking-Michel: Nach Bogotá haben wir zum Beispiel eine Jura-Professorin entsendet, die sich auf die Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen spezialisiert hat, und in ein indisches Elendsviertel eine Sozialarbeiterin, die dort Hütte an Hütte mit den Einheimischen wohnt und in Mikroprozessen Jugendarbeit in Gang setzt, indem sie die Kinder von der Straße holt. In Kenia arbeitet jemand in einem Schutzhaus für Opfer von Menschenhandel und in San Salvador jemand im Bereich Erinnerungskultur gegen Gewalt. Insgesamt sind jährlich rund 250 AGEH-Fachkräfte in 56 Ländern der Welt im Einsatz. Doch da ist immer noch Luft nach oben. Wir würden gerne mehr vermitteln. Auch kleinere Verbände oder Kirchengemeinden, die Interesse an personeller Zusammenarbeit haben, können sich bei uns melden.

Warum liegt die Betonung auf Fachkräften? Ihre Projekte sind doch sicherlich auch für viele Freiwilligendienste interessant…

Lücking-Michel: Entwicklungsprojekte brauchen Menschen mit profundem Fachwissen, mit Know-how. Wir wählen Menschen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung aus, die Berufserfahrung in einem Bereich der Projektarbeit haben. Das ist unser Spezifikum, und das entspricht dem Entwicklungshelfergesetz. Außerdem sollten diese Fachkräfte über ausgeprägte soziale und interkulturelle Fähigkeiten verfügen. Sie können zuhören, sehen Chancen, erkennen Veränderungspotenziale und kommunizieren diese sensibel und wertschätzend. Ihr unvoreingenommener Blick von außen, ihre „produktive Fremdheit“, wie wir das nennen, kann im Austausch mit den Kollegen am Ort kreative Ideen freisetzen und wesentliche Impulse für Veränderungen ermöglichen. Unsere Fachkräfte tragen dazu bei, die Interaktion und den Dialog innerhalb der Partnerorganisation und den Menschen, mit denen sie arbeitet, zu stärken oder grundsätzlich zivilgesellschaftliche Allianzen zu unterstützen. Im Bereich der Freiwilligendienste fungieren wir als Fach- und Beratungsstelle für die Trägerorganisationen, in der Regel im Rahmen von „weltwärts“.

„Partner sein“ ist eine der Überschriften, unter der Sie Ihr Engagement ansiedeln. Was bedeutet dieses „Auf Augenhöhe-Prinzip“ ganz konkret?

Lücking-Michel: Wir sind ein Personalfachdienst mit umfassender Expertise in internationalen Kontexten. Partnerorientierung heißt bei uns, auf einen Bedarf, der in dem betreffenden Land formuliert wird, mit einer spezialisierten Fachkraft, die bei uns bis zu einem halben Jahr auf ihren Einsatz vorbereitet wird, zu reagieren und für sie auch eine Fürsorgepflicht zu übernehmen. Das heißt, wie erstellen für jeden Bewerber vor seinem Auslandseinsatz einen individualisierten Stundenplan mit der Vermittlung der jeweiligen Landes-, Sprach- und Sicherheitskenntnisse, in die teilweise auch der Ehepartner und die ganze Familie einbezogen werden. Waren früher mehr Handwerker gefragt, sind es mittlerweile fast ausschließlich Akademiker: Mediziner, Juristen Psychologen und Traumtherapeuten. Bei unserer Vermittlung setzen wir vor allem auf entstehende und wachsende Beziehungen, die bei Entwicklungszusammenarbeit durch nichts zu ersetzen sind. Und – wie gesagt – es geht um den Austausch, um ein Geben und Nehmen. Idealerweise tragen Rückkehrer ihre Erinnerungen und Erfahrungen eines Auslandseinsatzes auch an ihren neuen Arbeitsplatz.

Ihr 60-jähriges Jubiläum nehmen Sie zum Anlass, sich einen neuen Namen zu geben: Aus „Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe“ wird „AGIAMONDO“. Was verbirgt sich dahinter?

Lücking-Michel: Entwicklungszusammenarbeit ist keine Einbahnstraße von Nord nach Süd. Ob Entwicklungsländer und Schwellenländer im Süden oder Industrieländer im Norden: Alle Länder sind Entwicklungsländer. Das heißt: Wir alle müssen uns entwickeln. Denn für die drängenden Probleme unserer Welt – Armut und Hunger, Unrecht und Gewalt, Klimawandel

und die Vernichtung unserer natürlichen Ressourcen – können wir nur gemeinsam Lösungen entwickeln: im gleichberechtigten Austausch, mit geteilter Verantwortung und gegenseitigem

Vertrauen. Entwicklungsdienst wird so zum globalen Dienst an der Welt: von Nord nach Süd, von Süd nach Süd, von Süd nach Nord. Für eine Welt ohne Grenzen. Die AGEH fühlt sich diesem Wandel zutiefst verpflichtet und bringt dies im neuen Namen zum Ausdruck: AGIAMONDO – eigentlich ein Kunstwort mit romanischen Wurzeln, nämlich vom Italienischen „aghiamo: lasst uns handeln und „mondo“: Welt. Vor 60 Jahren gehörten das Wort  Entwicklungshilfe“ wie auch die Bezeichnung „Erste, Zweite und Dritte Welt“ noch zum gängigen Sprachgebrauch. Doch heute ist das Konzept einer nachholenden

Entwicklung, bei der die „Helfer“ aus den sogenannten „entwickelten“ Industrieländern den Menschen in der sogenannten „Dritten Welt“ auf die Sprünge helfen – ganz in der Perspektive des paternalistischen Selbstverständnisses der 50er Jahre – nicht mehr zu rechtfertigen. Heute verstehen wir die Welt im Sinne einer partnerschaftlichen Globalität und eines gegenseitigen Lernens.

Der Name will also gleichzeitig eine Haltung transportieren…

Lücking-Michel: Es geht um ein gemeinsames Handeln bezogen auf ein gemeinsames Ziel, auf das wir uns aus verschiedenen Richtungen zu bewegen wollen. Deshalb ist es inzwischen unser Anliegen, auch Fachkräfte aus dem Süden bei uns in Deutschland zu beschäftigen. Die ersten sind mittlerweile im Einsatz: beispielsweise bei Hilfswerken oder Diözesen, die in ihrer Weltkirche-Abteilung eine Bolivien-Partnerschaft neu aufbauen oder mit einem brasilianischen Rechtsanwalt ihre Menschenrechtsarbeit stärken wollen. Auch andersherum funktioniert der Lernprozess. Gemeinsam wollen wir in der Welt etwas bewegen, gemeinsam wollen wir die Welt gestalten. Dazu ist es wichtig, voneinander und miteinander zu lernen, denn – wie Papst Franziskus es in „Laudato Si“ formuliert: Wir tragen alle Sorge für das gemeinsame Haus.

Sie kooperieren eng mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und vermitteln jährlich mehr als 30 Prozent Ihrer Fachkräfte in den „Zivilen Friedensdienst“, ein Programm des BMZ. Welche Absicht steckt dahinter und wie funktioniert dieses Programm?

Lücking-Michel: Gewalt und Unrecht verhindern, dass Menschen in Würde und Sicherheit leben können. Frieden und Entwicklung setzen die Fähigkeit von Gesellschaften voraus, Konflikte ohne Gewalt und konstruktiv auszutragen. Die AGEH unterstützt deshalb weltweit christliche Friedensarbeit. Denn Frieden zu schaffen gehört zum christlichen Kernauftrag. Mehr als jede dritte Fachkraft, die wir vermitteln, engagiert sich im Programm „Ziviler Friedensdienst“, das vom Bundesministerium finanziert und von neun Organisationen der Friedens- und Entwicklungsarbeit, darunter die AGEH, durchgeführt wird. Ganz im Sinne des Heiligen Franz von Assisi unterstützen unsere Fachkräfte Partnerorganisationen in ihren Friedens- und Versöhnungsinitiativen, zum Beispiel im Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit, in der gewaltfreien Bearbeitung von Konflikten und im interreligiösen Dialog. Dazu gehören Länder wie Kolumbien, der Süd-Sudan, Timor-Leste oder der Nahe Osten. Und wir sind oft dort, wo wir von katholischen Netzwerken profitieren. In der Regel melden sich für alle unsere Einsätze Menschen mit hohen Idealen, die einen Blick über den Tellerrand hinaus wagen und die zeigen, dass es auch anders geht. Wir müssen uns um andere kümmern und wollen das aus unserem christlichen Selbstverständnis heraus auch tun. Schließlich leben wir nicht auf einer Insel.

 

Das Interview führte Beatrice Tomasetti