Chancenungerechtigkeit nicht hinnehmen

Sozialarbeiterin Sabine Stephan bei einem Hausbesuch am Stadtrand von Leme, wo der kleine Benjamin auf engstem Raum mit seinen Eltern und sieben ‎Geschwistern wohnt. Mit Krisenintervention und Nothilfe setzt sich die Ordensgemeinschaft für die Verbesserung der prekären Lebens-, Hygiene- und ‎Wohnverhältnisse der Familien ein.‎

Sozialarbeiterin Sabine Stephan bei einem Hausbesuch am Stadtrand von Leme, wo der kleine Benjamin auf engstem Raum mit seinen Eltern und sieben ‎Geschwistern wohnt. Mit Krisenintervention und Nothilfe setzt sich die Ordensgemeinschaft für die Verbesserung der prekären Lebens-, Hygiene- und ‎Wohnverhältnisse der Familien ein.‎

Rückkehrerin Sabine Stephan begegnet gesellschaftlichen Veränderungsprozessen in Brasilien und Deutschland: Drei Jahre begleitete die AGIAMONDO-Fachkraft Menschen aus brasilianischen ‎Armenvierteln in extremen Lebenssituationen. Anfang 2019 kehrte die Sozialarbeiterin nach ‎Berlin zurück, wo sie seitdem Jugendliche bei der gesellschaftlichen Reintegration unterstützt. ‎Wie ähnlich und doch so verschieden sie die Herausforderungen in beiden Ländern ‎wahrgenommen hat, berichtet sie contacts im Interview.‎

Welche Arbeitsschwerpunkte hatte Ihre Partnerorganisation in Brasilien?

Ich bin 2016 nach Brasilien gekommen und habe bei der Ordensgemeinschaft der Schwestern der Heiligen Maria Magdalena Postel in der Stadt Leme gearbeitet. Im Sinne des Leitsatzes „Die Jugend bilden, die Armen unterstützen und nach Kräften Not lindern“ betreiben die Schwestern dort eine Schule mit Kindergarten, ein Alten-heim und viele Sozialprojekte am Stadtrand. Ihr Engagement fußt auf zwei Schwerpunkten: Wissen vermitteln, um Chancen zu verbessern, und Nothilfe. Ich war in beiden Bereichen tätig.

Wie konnten Sie hier unterstützen?

Zum einen war ich am Aufbau eines Bildungszentrums beteiligt. Zum anderen habe ich in den Armenvierteln Familien aufgesucht und beraten. Da ging es um die Begleitung zu Ärzten oder Behörden, die Vermittlung der Kinder an Schulen oder die Ausgabe von Lebens- und Hilfsmitteln, um existenzielle Not zu lindern. Gleichzeitig konnte ich die Menschen zur Teilnahme an unseren Aktivitäten im Zentrum ermutigen. Und ich wusste, was ihnen fehlte, zum Beispiel psychologische Beratung, die wir mithilfe ehrenamtlicher Psychologen organisiert haben. Wichtig war mir immer, den Menschen auf Augenhöhe und mit Wertschätzung zu begegnen. Gelernt habe ich, dass es noch so gute Kursangebote geben kann, die die persönliche Entwicklung fördern – wenn jemand um sein Überleben kämpft, hat er den Kopf dafür nicht frei. Deshalb gehören Krisenhilfe und Bildungsangebote für mich zusammen.

Welche gesellschaftlichen Veränderungsprozesse haben Sie in dieser Zeit beobachtet?

Ich habe Brasilien als gespaltenes Land erlebt, in dem es enorme soziale Ungleichheit gibt. Millionen Familien leben am Existenzminimum, werden ausgebeutet und haben kaum genug Geld, um ihre Kinder zu ernähren. Das liegt nicht an den Menschen, sondern an den Gesamtumständen. Die Gesellschaft nimmt diese Chancenungerechtigkeit weitgehend hin. Es gibt auch fast keine Berührungspunkte zwischen Arm und Reich, was gegenseitiges Unverständnis, Ignoranz und Abstumpfung begünstigt – vor allem in einer Atmosphäre politischer Unsicherheit, wie sie momentan spürbar ist.

Von den Korruptionsskandalen und wirtschaftlichen Krisen, die Brasilien in den vergangenen Jahren extrem destabilisiert haben, sind besonders die ohnehin sozial benachteiligten Gruppen betroffen. Vom Gesundheitssystem übersehen, im Schulsystem nicht ausreichend gefördert und von der Rechtsstaatlichkeit allein gelassen, haben viele zu leichte Antworten auf die komplexen Probleme Brasiliens gesucht. In Gesprächen habe ich immer wieder gehört, dass sich die Menschen eine „starke Hand“ erhofften, die die Ordnung im Land wiederherstellt. Dann wurde der rechtskonservative Jair Bolsonaro zum Präsidenten gewählt.

Die Schülerin Maria Janete verpasst keine Gelegenheit, am Gitarrenkurs im Bildungszentrum „Plácida Viel“ teilzunehmen.
Sabine Stephan ermutigt Mütter und Kinder, die Bildungsangebote der Ordensgemeinschaft wahrzunehmen.‎

In meiner Wahrnehmung erschweren zunehmend nationalistische Tendenzen die Internationale Zusammenarbeit und Kommunikation. Das zeigte zum Beispiel Bolsonaros Reaktion, als er die Soforthilfe der G7 zur Bekämpfung der Amazonasbrände abgelehnt hat. Diese Haltung ist auch auf anderen Ebenen spürbar. Unterstützung und Mitarbeit im Sinne einer gemeinsamen Verantwortung und Sorge um die Menschen werden mitunter falsch verstanden oder als Einmischung gesehen.

Wie gestaltet sich Ihre Arbeit in Berlin? Was sind Ihre Aufgaben dort?

Seit Februar 2019 arbeite ich in der „Manege“ im Don Bosco Zentrum in Berlin Marzahn, einer Einrichtung für Jugendliche, die aus unterschiedlichen Gründen den Anschluss an die Gesellschaft verloren haben. Träger sind auch hier das Generalat der Schwestern der Heiligen Maria Magdalena Postel, mit denen ich in Brasilien war, und die Deutsche Provinz der Salesianer Don Boscos. Ich unterstütze junge Erwachsene dabei, einen Weg zurück in den Ausbildungs- oder Arbeitsmarkt zu finden.

Welche Unterschiede gibt es zu Ihrer Arbeit im Entwicklungsdienst?

In Deutschland fällt mir heute auf, wie viel der Staat leistet, um junge Menschen zu mobilisieren und ihnen Entwicklungsmöglichkeiten anzubieten. In Brasilien interessiert es niemanden, was aus den jungen Leuten in den Armenvierteln wird. Aus Mangel an Perspektiven rutschen viele in Drogenabhängigkeit und Kriminalität ab. Durch unsere Begleitung haben einige den Absprung an eine bessere Schule oder in eine Ausbildung geschafft. Unser Einsatz war für sie eine Chance, die sie ernsthaft ergriffen haben.

Hier habe ich manchmal das Gefühl, Unterstützungsangebote werden eher als Makel empfunden. Wenn wir zu den Jugendlichen Kontakt aufnehmen, empfangen sie uns meist misstrauisch. Es gelingt oft erst nach vielen Versuchen, Vertrauen aufzubauen und etwas zu bewegen. Das braucht einen langen Atem. Aber es geht um die Entwicklung des Einzelnen. Ich habe dabei eine „Türöffnerfunktion“, indem ich helfe, Widerstände abzubauen, alternative Wege aufzeige und begleite. Da ist die Arbeit in Deutschland und Brasilien doch wieder ähnlich.

Welche gesellschaftlichen Veränderungen sehen Sie nach Ihrer Rückkehr in Deutschland?

Im Sommer bin ich nach langer Zeit nachmittags durch die Innenstadt Erfurts spaziert und habe ein verändertes Stadtbild wahrgenommen: Es waren sehr viele ausländische Menschen auf den Straßen, Plätzen und Parkbänken.

Wir haben neue Nachbarn, Mitbürger*innen – Menschen, die bei uns einen Platz, Arbeit, eine Sozialversicherung und vieles mehr brauchen. Das ist eine große Herausforderung für eine Gesellschaft. Nur gemeinsam können wir es schaffen, ausreichend Unterstützung und Integration zu leisten, damit wir in Berührung bleiben und keine zwei-Klassen-Gesellschaft fördern, in der wir Chancenungleichheit und Elend einfach
hinnehmen.