Arbeiten im Ausnahmezustand - In Israel und Palästina ist zivilgesellschaftliches Engagement während der Corona-Pandemie eine wichtige Stütze.

Annika Khano, Koordinatorin des ZFD-Landesprogramms Israel/Palästina

Seit Februar 2020 herrscht im ZFD-Landesprogramm Israel/Palästina der Ausnahmezustand. Durch die strengen Beschränkungen zur Eindämmung des Corona-Virus haben viele Familien ihre Lebensgrundlagen verloren. Eine Rückkehr zur Normalität ist noch fern. Die AGIAMONDO-Fachkräfte Annika Khano, Katrin Tal, Thomas Trischler und Vertreter von Partnerorganisationen berichten von ihren Erfahrungen. Den Anfang macht Annika Khano, die Koordinatorin des Landesprogramms aus der Region. Sie hat die Partner zu ihrer Sicht befragt und sie beschreibt nachfolgend die Situation in Israel:

"Als Mitte März in Israel die Kontaktsperre verhängt wurde, waren die Straßen in Palästina schon seit Wochen menschenleer. Bereits Ende Februar hatte die dortige Regierung den Stillstand des öffentlichen Lebens angeordnet, um die Ausbreitung des neuartigen Corona-Virus Sars-CoV-2 zu verhindern. Hier wie dort lagen von heute auf morgen Handel, Dienstleistungen, Gewerbe und Tourismus brach.

Hart getroffen hat das vor allem in Israel beschäftigte Palästinenser*innen, aber auch im informellen Sektor tätige Menschen, größtenteils Migrant*innen oder Geflüchtete. Ohne Arbeit und Einkommen waren und sind sie bis jetzt auf Hilfe von außen angewiesen, um zumindest die Ernährung ihrer Familien sicherzustellen. Denn eine Sozialhilfe erhalten sie nicht. Auch die Schließung der Schulen und Kindergärten begünstigte die Ungleichheit besonders für diejenigen, die auf engstem Raum leben und ihren Kindern ohne finanzielle und materielle Ressourcen den Zugang zu Bildung kaum ermöglichen können.

Durch diese Situation verschärfen sich die gesellschaftlichen Spannungen in der Region, das Konkurrenzdenken und die Abgrenzung voneinander nehmen zu. Um dem entgegenzuwirken, kommt der Zivilgesellschaft eine sehr wichtige Rolle zu.

Ihre Akteur*innen kennen die Lebenswirklichkeiten der Menschen genau, sie können Austausch und Vermittlung fördern, aber auch das Vertrauen der Bevölkerung in Lösungen stärken.

Und so versuchen auch die Partnerorganisationen von AGIAMONDO gemeinsam mit den Fachkräften, die negativen Folgen der Pandemie zu begrenzen. Dialog und Kommunikation sind hierfür ganz entscheidend.

Doch um in Zeiten, in denen Kontaktsperren die direkte Begegnung einschränken oder gänzlich verhindern, nah dran zu bleiben, mussten neue Instrumente und Methoden gefunden werden. Über Video-Chat und soziale Medien hielten die Fachkräfte den Kontakt und blieben präsent – ob aus Deutschland oder vor Ort – was für die Menschen, aber auch für die Kolleg*innen untereinander sehr wertvoll und entlastend war. Von ihren individuellen Erfahrungen in der Krise haben uns drei Partnerorganisationen berichtet."

Annika Khano, Koordinatorin des ZFD-Landesprogramms für Israel und Palästina lebt mit ihren zwei Töchtern in Jerusalem. Sie berichtet, wie sie während der Corona-Kontaktsperre Kinderbetreuung und ZFD-Koordination miteinander vereinbaren musste:

"Durch die Corona-Kontaktsperre stieg mein Arbeitspensum von heute auf morgen stark an:
Als alleinerziehende Mutter hatte ich meine zwei Kinder zu Hause, die ich betreuen und bei den Schulaufgaben begleiten musste. Gleichzeitig wuchs der Bedarf an Beratung und Austausch bei unseren Fachkräften, Kolleg*innen und Partnern, die in dieser auch für sie so unsicheren Zeit weitermachen mussten.

Hier hat uns die verstärkte Nutzung digitaler Medien sehr geholfen. Bis jetzt stehen wir alle in intensivem Austausch. Treffen lassen sich online sehr einfach organisieren und wir müssen nicht mehr so weit fahren, um uns zu sehen.

Auch die Kommunikation mit Köln war die ganze Zeit sehr gut. Trotz der großen Anstrengungen in der Krise, hat mir diese Zeit gezeigt, wie wertvoll unsere Arbeit ist. Und vor allem, mit was für großartigen Partnern und Fachkräften ich zusammenarbeiten darf."

Gemeindemitglieder des St. James Vikariats im Gespräch mit Vikar Pater Rafiq Nahra.
Im Kindergarten verteilt ZFD-Fachkraft Katrin Tal Essensmarken an Angehörige.
ZFD-Fachkraft Katrin Tal

St. James Vikariat - Patriarchalvikar Rafiq Nahra und ZFD-Fachkraft Katrin Tal sprechen über die Situation vor Ort:

„Bereits zu Beginn der Beschränkungen mussten alle öffentlichen Gottesdienste abgesagt werden. Damit fehlte uns ein wesentlicher Raum für die Kontaktpflege zu den Gemeindemitgliedern. Auch unsere Gemeindezentren, in denen Nonnen, Priester und Sozialarbeite*innen Kinder und Jugendliche aus Migrationsfamilien begleiten, mussten ihre Jugendarbeit einstellen. Und das obwohl viele Eltern, die in wirtschaftlicher und sozialer Unsicherheit leben, schon um ihre Existenz bangten.

Uns war schnell klar, dass es für viele Familien schier unmöglich sein würde, die Ausgangsbeschränkungen einzuhalten: Wie soll eine alleinerziehende Mutter über mehrere Wochen mit ihren drei jugendlichen Kindern in einer Einzimmerwohnung bleiben? Unser Zentrum hat daher für besonders betroffene Kinder seine Türen geöffnet. 51 Tage lang wurden neun Jugendliche von neun Mitarbeiter*innen in der gemeinsamen Isolation betreut – natürlich unter strengen Hygienevorschriften. Unsere Gottesdienste haben wir online angeboten und Gebetsgruppen per Skype eingerichtet. Für die nächsten Monate wollen wir wieder Kurse für die Jugendlichen anbieten und ihre Widerstandskraft stärken. Ob die Begegnungen online oder vor Ort in unseren Zentren stattfinden können, hängt von den Entscheidungen der israelischen Regierung und unseren finanziellen und logistischen Möglichkeiten ab.

Mit ihrer sozialen Kompetenz und ihrer Fundraising-Expertise hat Katrin die Menschen, aber auch die Kommunikation in der Gemeinde stets gestärkt. Als wir uns in der Corona-Ausnahmesituation auf die humanitären Bedürfnisse unserer Zielgruppen konzentriert haben, hat Katrin sofort eine Spenden-Kampagne organisiert und sich in Tel Aviv um Menschen in Not gekümmert. Zurzeit arbeitet sie vor allem an der Ausgestaltung des Jugendprogramms, das wir an die strengen Hygieneauflagen anpassen müssen. Damit hilft sie uns, Kinder und Jugendliche weiterhin zu unterstützen und ihnen zu zeigen, dass sie nicht allein sind.“

Wissenswert

Das St. James Vikariat gehört zum lateinischen Patriarchat von Jerusalem. Es versammelt die hebräischsprachigen Katholiken, die in Israel leben. Unter ihnen sind viele Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund, die zum Teil keine offizielle Aufenthaltserlaubnis haben. Seit 2015 unterstützt ZFD-Fachkraft Katrin Tal das Vikariat bei der Jugendarbeit und betreut viele Kinder von Geflüchteten. Ihre Familien leiden sehr unter dem COVID-19-Ausbruch: Beengte Wohnverhältnisse erhöhen das Infektionsrisiko, Rassismus und Diskriminierung nehmen zu, viele Eltern haben ihre ohnehin schlecht bezahlten Jobs verloren. Ohne Arbeit oder Anspruch auf staatliche Hilfe stehen sie nun am Rande ihrer Existenz.

ZFD-Fachkraft Katrin Tal erzählt, wie sie die Corona-Maßnahmen beruflich und privat erlebte:

"Nach Inkrafttreten der Kontaktsperre haben wir uns auf der Arbeitsebene sehr schnell angepasst und die Kommunikation auf virtuelle Plattformen verlegt.

Unsere Arbeitsgruppen überall im Land haben diese neuen Methoden sehr schnell angenommen und effektiv genutzt. Das wollen wir auch nach der Krise beibehalten.

Auf persönlicher Ebene waren die Eindämmungsmaßnahmen und der damit verbundene Ausnahmezustand eine große Herausforderung. Mit zwei kleinen Kindern, die normalerweise in Betreuung sind, ist es sehr schwierig, für die gesamte Familie eine gesunde Routine zu erhalten."

 

Elias Deis, Geschäftsführer des Holy Land Trust und ZFD-Fachkraft Thomas Trischler (rechts)
Vor Corona - Führung von Besuchergruppen durch Mitarbeiter des Holy Land Trust
ZFD-Fachkraft Thomas Trischler

Holy Land Trust Geschäftsführer Elias Deis und ZFD-Fachkraft Thomas Trischler berichten, wie die Organisation mit den Herausforderungen umgeht:

„Für uns bedeutet die Corona-Krise einen massiven Einbruch: Unser gesamtes Besucherprogramm, bei dem sich dieses Jahr 40 Touristengruppen angemeldet hatten, wurde abgesagt. Unsere Vortrags-Reise in Deutschland fiel aus, ebenso die Teilnahme an der Tourismusmesse und unser großes „Bet Lahem Live Festival“, das jedes Jahr tausende Teilnehmer*innen anzieht. Dadurch konnten wir Menschen nicht zusammenbringen, aber auch Einnahmen und Spenden brachen weg. Zurzeit arbeiten unsere Mitarbeiter*innen ohne Gehalt weiter, weil sie an unsere Arbeit glauben.

In der Zeit der Kontaktsperre hat das Team im Home-Office gearbeitet, Thomas Trischler einige Wochen sogar von Deutschland aus. Wir haben digital Kontakt zueinander gehalten. Seit Juni dürfen wir wieder ins Büro kommen. Für unseren Zusammenhalt ist das sehr wichtig.

Im Moment planen wir vor allem Aktivitäten für 2021 – in der Hoffnung, dass sich die Situation bis dahin normalisiert. Und soweit es die Finanzen zulassen, entwickeln wir auch unser Konzept weiter, wie wir die arabischen Gemeinden und Schulen in Israel mit Palästinenser*innen, die im Westjordanland leben, zusammenzubringen können.

Thomas hat uns sehr dabei geholfen, einen alternativen Arbeitsplan für 2020 zu entwerfen, nachdem durch die Kontaktsperre so Vieles umstrukturiert werden musste. Er hat die Online Team-Meetings organisiert und uns alle motiviert, weiterzuarbeiten und mit alternativen Ideen die Krise zu meistern. Außerdem haben wir zusammen bereits einen Marketing Plan für 2021 erarbeitet. Und er übernimmt derzeit weitgehend die Kommunikation bei unserem neuen Projekt mit den arabischen Gemeinden in Israel. In der Zukunft wollen wir noch mehr mit deutschen Organisationen und Reisebüros arbeiten. Auch hier begleitet Thomas die Kontaktaufnahme.“

Wissenswert

Holy Land Trust ist eine gemeinnützige palästinensische Organisation mit Sitz in Bethlehem, die sich für Frieden, Gerechtigkeit und Verständigung im Heiligen Land einsetzt. Ihr wesentlicher Fokus liegt darauf, Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Glaubens zusammenzubringen und durch die Begegnung Zuversicht und Offenheit zu fördern. Seit fünf Jahren arbeitet ZFD-Fachkraft Thomas Trischler als Organisationsberater an diesen Zielen mit, seit Februar 2020 unter erschwerten Bedingungen: Aufgrund eines frühen Corona-Ausbruchs wurde Bethlehem vollständig abgeriegelt.

ZFD-Fachkraft Thomas Trischler/ Holy Land Trust erzählt, wie er von der Pandemie in Berlin überrascht wurde:

"Ich war Anfang März 2020 für unsere Vortragsreise bereits in Berlin, als die Kontaktsperre kam und alle geplanten Veranstaltungen abgesagt wurden.

Da Israel zum Schutz vor einer Ausbreitung des Corona-Virus bereits ein Einreiseverbot erlassen hatte, konnte ich nicht mehr zurück.

Das war eine sehr herausfordernde Situation. Ich saß also erstmal in Deutschland fest und kam bei meinem Bruder unter.

Erst einen Monat später erhielt ich eine Genehmigung für die Rückreise nach Jerusalem. Dort angekommen musste ich zwei Wochen in Quarantäne und habe von zu Hause gearbeitet. Seit Anfang Juni gehe ich nun wieder ins Büro nach Bethlehem und das Leben normalisiert sich langsam."

Blick von oben auf das Kloster, die Brotvermehrungskirche, Beit Noah und den Garten
Ort zum stillen Gebet am See Genazareth

Wissenswert

Das Benediktinerkloster Tabgha ist ein neuer Partner im ZFD-Landesprogramm. Am See Genezareth gelegen, empfängt die Gemeinschaft deutschsprachiger Benediktiner in ihren Räumen der Stille und des Schweigens Pilger*innen aus aller Welt zum Gebet, zur Einkehr und zum Besuch der Heiligen Stätte. Auch die an das Kloster angeschlossene „Internationale Jugend- und Behindertenbegegnungsstätte Beit Noah“ bietet Besucher*innen aus Israel und Palästina einen besonderen Ort der Gastfreundschaft, an dem Menschen ungeachtet ihrer Religion, Sprache, Kultur oder politischen Überzeugung zusammenkommen. Ab Juli 2020 sollte ZFD-Fachkraft Johanna Binder die Gemeinschaft in Tabgha unterstützen. Aufgrund der Corona-Krise verzögert sich jedoch ihre Ankunft.

Kloster Tabgha - Pater Josef San Torcuato spricht über die neue Situation unter Corona-Bedingungen:

„Wir haben uns dazu viele Gedanken gemacht. Da sich Johanna direkt nach ihrer Ankunft zunächst zwei Wochen in Quarantäne begeben muss, stellen wir ihr hierfür unser Pumpenhaus am See zur Verfügung. Dort werden wir Mönche sie jeden Tag versorgen. Auch nach der Quarantäne kann Johanna bei uns auf dem Klostergelände wohnen, bis sie eine geeignete Wohnung in der Umgebung gefunden hat. Wir sind sehr gespannt auf das neue Gesicht, das unsere Arbeit sicherlich verändern und bereichern wird, und freuen uns auf ihre Ankunft.“

„Unser Kloster und das Zentrum Beit Noah sind Orte der Begegnung. Unter normalen Bedingungen wären hier zurzeit zahlreiche Besuchergruppen untergebracht. Durch Corona ist es sehr ruhig geworden. Dies bringt uns nach vielen Jahren einerseits große Entlastung. Andererseits wünschen wir uns, dass der Ort wieder so belebt wird, wie es eigentlich gedacht ist. Wir rechnen aber damit, dass die Situation noch mindestens bis zum Herbst so bleiben wird.“

„Wir wollen die Zeit der Ruhe nutzen, um darüber nachzudenken, wie wir uns in den nächsten Jahren weiterentwickeln können. Dazu gehört auch, die Verbindung zwischen unserem Kloster und der Begegnungsstätte Beit Noah zu stärken. Dabei kann uns Johanna sehr gut unterstützen. Beispielsweise planen wir, mit ihr zusammen die Partner von Beit Noah zu besuchen und besser kennenzulernen. Für Johanna schafft dies auch eine gute Grundlage für ihre weitere Arbeit.“

Texte: Annika Khano, Katrin Tal, Thomas Trischler

28.08.2020